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Artikel veröffentlicht am 05.07.2021 um 10:05 Uhr
Kardiologe Dr. Laser im Interview: "Wieder auf das eigene Körpergefühl vertrauen!"
Eine ungewöhnlich lange Sportpause, mögliche Folgen einer Covid-19-Erkrankung und der prominente Fall Christian Eriksen haben auch den einen oder anderen Amateurfußballer ins Grübeln gebracht. Im fussballn.de-Interview spricht Dr. Martin Laser von der Parcside Kardiologie Nürnberg, über fachliche Hintergründe, gibt aber auch ganz praktische Tipps für den Hobbysportler.
Von Marco Galuska
Dr. med. Martin Laser
Parcside Kardiologie
Herr Dr. Laser, einen der größten Schockmoment im Live-Sport erlebten Millionen Fernsehzuschauer kürzlich bei der Fußball-Europameisterschaft beim Spiel in Dänemark. Wie sieht ein Fachmann solche Bilder?

Dr. Martin Laser: Um mit dem Positiven anzufangen kann man nur gratulieren, wie vorbildlich die Abläufe bei der Rettung und Reanimation des Spielers waren, angefangen von der Abschirmung durch die Mannschaft vor den Kameras, dem schnellen Beginn der Herzdruck-Massage und dem sofortigen Einsatz des Defibrillators mit der Rettung des Spielers. Erschreckend ist natürlich immer wie sowas trotz erfolgter medizinischer Checkups als Profispieler passieren kann.

Gab es dazu im Nachgang spezielle Reaktionen aus dem beruflichen oder privaten Umfeld?

Dr. Laser:
Natürlich. Wir haben in meiner kardiologischen Praxis vor etwa zwei Jahren begonnen selber Sportuntersuchungen durchzuführen (z.B. SG Quelle Fürth) und erlebt wie leicht anscheinend manche Befunde in der Vergangenheit bei Spielern extern übersehen wurden. Es ist extrem wichtig, dass wirklich eine gewisse Erfahrung bei der Befundung von EKG und Echokardiografie vorliegt um die ein Prozent der Spieler herauszufischen, die gefährdet sind. Bei uns in Deutschland wurde zur Verbesserung der Qualität die Weiterbildung für Sportkardiologie eingeführt und europaweit 2020 die neue Leitlinie für Sportkardiologie herausgegeben.

Sportuntersuchung beim Kardiologen sollen die gefährdeten Spieler herausfischen.
Parcside Kardiologie

Ein Profisportler wie Christian Eriksen steht ja grundsätzlich unter besonderer medizinischer Betreuung. Erklären Sie dem Laien, wie es dennoch zu einem solchen Schockmoment kommen kann!

Dr. Laser: Das ist genau die entscheidende Frage. Daten von 2018 aus England, die momentan das wahrscheinlich strengste sportmedizinische Untersuchungsprogramm bei Fußballern haben, konnten zeigen, dass trotz gründlichster Vorsorge weiterhin der plötzliche Herztod bei Spielern vorgekommen ist. Manche Herzmuskelerkrankungen sind z.B. in jüngeren Jahren noch nicht zu erkennen, ebenso manche angeborene Herzrhythmusstörungen, die im EKG nicht immer sichtbar sind. Andere Ursachen, wie ein abgelaufener Virusinfekt mit Herzmuskelentzündung oder ein Herzinfarkt, scheinen bei Eriksen aktuell keine Rolle gespielt zu haben. Umso wichtiger ist es deswegen für ein sicheres Umfeld mit z.B. automatischem Defibrillator (AED) beim Training und natürlich auch beim Spiel zu sorgen.

Direkt gefragt: Wie wären die Überlebenschancen gewesen, wenn sich so ein Vorfall nicht in einem Stadion, sondern auf einem Sportplatz in der Region ereignet hätte?

Dr. Laser:
Im Vergleich zu den Profispielen wird die Dunkelziffer im Amateursport deutlich höher geschätzt, es besteht keine Meldepflicht für den plötzlichen Herztod in Deutschland, AEDs sind bislang auch nicht Standard beim Spiel oder in allen Vereinen. Zusammenfassend muss man wohl sagen, dass die Chancen in der Region deutlich schlechter gewesen wären für das Überleben des Spielers und es ist dabei oft Glückssache, ob Sanitäter, geschulte Laien oder ein Notarzt vor Ort sind. Entscheidend sind immer die ersten 5-10 Minuten, um einen bleibenden Gehirnschaden zu vermeiden und die Überlebenschancen zu erhöhen.

Was kann man als (ungeübter) Ersthelfer tun, wenn man unmittelbar in der Nähe ist?

Dr. Laser:
 Dieses Jahr wurden wieder die neuen Leitlinien zur Wiederbelebung veröffentlich und vermutet, dass über 10.000 Menschen pro Jahr in Deutschland unnötig sterben, weil nach wie vor nur ca. 40% der Laien vor Ort mit Wiederbelebungs-Maßnahmen beginnen, der Rest schaut zu. Dabei ist es nicht wirklich schwierig. Wenn bei festgestelltem Kreislaufstillstand zügig mit der Herzdruck-Massage begonnen wird, auch ohne Mund-zu-Mund Beatmung, sind die Chancen sehr gut, idealerweise noch mit Unterstützung eines AEDs (wie bei Christian Eriksen). Dafür sollten regelmäßige Schulungen für Mannschaft und Trainer stattfinden, auch um die Hemmschwelle abzusenken.

Was können wir für unseren Alltag oder speziell auch im Breitensport aus dem prominenten Fall Christian Eriksen lernen?

Dr. Laser: 
Ganz wichtig und ideal sind prinzipiell zwei Maßnahmen, die im deutschen Profi-Fußball erfolgreich seit Jahren umgesetzt werden: Ein regelmäßiges, gründliches medizinisches Screening der Spieler mit EKG, Echo und Leistungsdiagnostik nach den DFB-Vorgaben. Sowie ein geschultes Spieler-und Trainerteam bzw. Notarzt vor Ort für Wiederbelebungsmaßnahmen sowie das Vorhandensein eines AEDs.
Leider sind diese beiden Maßnahmen im Amateurbereich oft noch ein finanzielles Problem, könnten aber sicher teilweise durch Eigeninitiative hinsichtlich verschiedener Kurse zur Laienreanimation gelöst werden. Davon profitiert dann nicht nur der Verein, sondern auch die Allgemeinheit. Nicht zu vergessen natürlich auch die Grundregel: niemals mit Virusinfekt oder kurz danach zu spielen. Das kann genauso wie bei Eriksen mit Kammerflimmern oder plötzlichem Herztod enden.

Der Zeitpunkt erscheint ja gerade jetzt besonders: Noch nie war ein komplettes Land über einen solchen langen Zeitraum in einem Lockdown, in dem so manch sportartspezifisches Training nicht möglich war. Fürchten Sie da außergewöhnliche Konsequenzen beim Wiedereinstieg?

Dr. Laser: 
Ganz wichtig erscheint mir mit nicht allzu hohen Ansprüchen wieder einzusteigen und nicht zu erwarten, dass innerhalb kürzester Zeit, wie z.B. sonst nach den Sommerferien, der alte Leistungsstand wieder erreicht ist. Zu berücksichtigen sind auch stattgehabte Covid-Impfungen, die unser Immunsystem stark belasten und die Leistungsfähigkeit vorübergehend einschränken. Ich würde nach einer Impfung auf jeden Fall 5-7 Tage mit dem Sport pausieren.

Nehmen wir das Beispiel Amateurfußball: Wie sollte man grundsätzlich seinen Körper idealerweise wieder an Training und Spiel gewöhnen?

Dr. Laser: 
Ich würde ein gründliches Grundlagenausdauer-Training, idealerweise pulsgesteuert, über 4-6 Wochen empfehlen zusammen mit spezifischem Krafttraining. Wichtig ist sicher auch ein gutes Dehn- und Stretching-Programm in der Vorbereitung und vor dem Training zur Vermeidung von Verletzungen nach der langen Pause. Für Fußballer erscheint z.B. auch regelmäßiges Yoga sehr positive Effekte zu haben. Wenn die Grundlagen wieder da sind, kann dann sicher auch das reguläre Fußballtraining wieder stattfinden.

Neben der möglicherweise fehlenden Fitness durch den Lockdown könnte zusätzlich das Thema Long-Covid eine spezielle Auswirkung auf das Herz haben. Was raten Sie Hobby-Sportlern, die nach einer solchen Erkrankung wieder aktiv werden wollen?

Dr. Laser:
 Nachdem zunächst die Herzbeteiligung durch Covid-19 etwas überschätzt wurde und nun der Anteil, wie bei anderen Viruserkrankungen, sich auf ca. 2% eingependelt hat, sind glücklicherweise nicht viele davon betroffen. In der Regel heilen die Herzmuskel-oder Herzbeutelentzündungen auch spontan vollständig ab (bei entsprechender Sportpause), so dass beim Long-Covid Syndrom nicht unbedingt eine Beeinträchtigung des Herzens vorliegen muss. Trotzdem ist die Leistungsfähigkeit oft noch Wochen oder Monate eingeschränkt. Sport sollte erst nach wirklicher Symptom-Freiheit begonnen werden. Dazu gibt es inzwischen strukturierte Protokolle. Nach Herzbeteiligung besteht allerdings eine strenges Sportverbot für mind. 3-6 Monate.

Der Nürnberger Kardiologe Dr. Martin Laser berichtet aus seiner Praxiserfahrung, dass die organischen Schäden nach einem Covid-Infekt eher selten sind, die Angst vor solchen Schäden aber die Menschen oft beeinträchtigt.
Parcside Kardiologie

Welche Rolle spielen Nachwirkung einer längeren Sportpause oder gar Covid-Erkrankungen in ihrem aktuellen Praxisalltag?

Dr. Laser: 
Wir haben natürlich auch in unserer kardiologischen Praxis viele Patienten und Sportler, die nach Covid-Infekt noch eingeschränkt leistungsfähig sind, körperlich oder psychisch. Dabei finden sich in den Untersuchungen nur selten organische Schäden, so dass oft auch die Angst vor einem möglichen Schaden größer ist und die Menschen beeinträchtigt. Vielen kann durch eine Untersuchung und dem Ausschluss von Schädigungen die Angst genommen werden und dadurch auch die Leistungsfähigkeit durch angstfreie Wiederaufnahme des Trainings gegeben werden.

Eriksen, Trainingsrückstand, möglicherweise Long-Covid im Hinterkopf könnte Panik verursachen, der Sportplatz vor Augen bringt nach der ersehnten Freiheit. Wie schafft man da die gesunde Balance?

Dr. Laser:
 Das ist genau der Punkt für viele! Wir werden von vielen Ängsten und Faktoren beeinflusst, die nicht immer real und fassbar sind. Umso wichtiger ist es wieder auf sein Körpergefühl zu vertrauen und so zu trainieren wie es sich für uns gut anfühlt. Wer sich da nicht sicher ist, kann sich natürlich auch vorher medizinisch durchchecken lassen. Ein anderes gutes Hilfsmittel im Sport sind meiner Meinung nach die sogenannten „wearables“, also Sportuhren, die uns ein sehr gutes Feedback nach dem Training geben können, bei der Trainingsplanung helfen können und uns bei den wichtigen Regenerationszeiten „beratend“ unterstützen. Dann sollte es mit dem Neustart und dem Spaß auf dem Platz eigentlich keine Probleme geben.

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Zur Person

Wenn Dr. Martin Laser seine Patienten in seiner Parcside Kardiologie über Vorsorgemaßnahmen aufklärt, weiß er wovon er spricht. Denn regelmäßiger Sport gehörte und gehört zu seinem Leben – von Kindesbeinen an: Leistungsturnen, Fechten, Karate, Leichtathletik und seit 2008 Taekwondo. Im Fechten war er Mitglied der Nationalmannschaft und wurde Militärweltmeister (Mannschaft, 2. Platz Einzelwettbewerb).

Nach dem Medizinstudium an den Universitäten Würzburg, Leiden, Boston, London und Edinburgh begann Dr. Martin Laser seine berufliche Karriere als Kardiologe 1995 am Klinikum Mannheim der Universität Heidelberg. Nach Stationen in Charleston (USA) und der Uni Würzburg machte er 2004 seinen Facharzt für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Kardiologie, um sich 2005 als Internist – Kardiologe und Belegarzt in Nürnberg niederzulassen.
Parallel setzt sich Dr. Laser in Lehre und Forschung ein (seit 2008 Gastprofessur in China), veröffentlicht in diversen medizinischen Fachzeitschriften und erhielt mehrere Preise. Seit 2006 medizinische Leitung des Vorsorgeprogramms „Talkingeyes“, 2010 übernahm der Vollblutmediziner die medizinische Leitung von “relax do” Deutschland (Medizinisches Stressmanagement, HRV-Biofeedback). 2012 folgte die Gründung des Vorsorge-Netzwerkes “Parcside Prävention” Nürnberg. Sein wegweisendes Engagement schließt auch Beiträge in medizinischen Fachzeitschriften ein und wurde bereits durch verschiedene Preise und Auszeichnungen, wie beispielsweise 2005 mit dem Rudolf-Thauer Preis der Dt. Gesellschaft für Kardiologie und 2013 im Wettbewerb des Bayerischen Gesundheitsministeriums für innovative Medizin, gewürdigt.

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