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Artikel veröffentlicht am 04.08.2020 um 06:00 Uhr
Pokalsensation vor 30 Jahren: Landesligist Fürth schwanzt BVB in der Hitze auf!
Auf den Tag genau vor 30 Jahre schaffte die SpVgg Fürth als Landesligist eine der größten Überraschungen im DFB-Pokal, als man bei brütender Hitze - fast ein komplettes Spiel in Unterzahl - den Bundesligisten Borussia Dortmund mit einem 3:1-Sieg aus dem Wettbewerb kegeln konnte.
Von Marco Galuska

Es ist der ganz besondere Reiz des DFB-Pokals, der Amateure und Profis unter Wettkampfbedingungen gemeinsam auf den Platz bringt. Gelingt dem Underdog dann tatsächlich die Überraschung, so werden "Pokal-Helden" geboren, die ihren Traum, den großen Stars der Szene ein Bein zu stellen, verwirklichen konnten. Eine solche legendäre Pokalpartie lieferte am 4. August 1990 der damalige Landesligist SpVgg Fürth gegen den späteren Weltpokalsieger Borussia Dortmund, trotz Handicap, in der 1. Runde des DFB-Pokals. Die Feierabendkicker vom Ronhof schrieben mit dem 3:1-Sieg Geschichte.

Drei Fürther Pokal-Helden von 1990 erinnern sich an den 3:1-Sieg über Borussia Dortmund

Für unseren Rückblick haben wir uns mit drei Protagonisten von damals unterhalten, die im hiesigen Amateurfußball noch über Jahre vertreten waren bzw. dort noch aktuell anzutreffen sind. Beim Kleeblatt haben alle drei Spieler längst den "Legenden"-Status erreicht: Norbert Glintschert (64), damals Libero und Abwehrchef der SpVgg, trainierte bis zur Saison 2011/12 den SC Worzeldorf in der Kreisliga. Martin Hermann (57), damals Mittelfeldantreiber über die linke Seite, ist nach wie vor Coach beim ASV Zirndorf in der Bezirksliga. Oliver Zettl (56), damals gefeierter Doppeltorschütze, war bis 2010 Trainer beim SV 73 Süd und später noch in der AH des TB Johannis 88 aktiv.

Im August 1990 standen Norbert Glintschert, Martin Hermann und Oliver Zettl (von links) im Ronhof auf dem Platz, als dem Kleeblatt der Pokalcoup gegen Dortmund gelang.
fussballn.de


Brutale Hitze und ein frühes Handicap

Wir tauchen ein in den 4. August 1990: Keinen Monat war es her, da feierte Deutschland den dritten Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien. Einer der Weltmeister war auch im Ronhof dabei: Doch war es am Ende nicht Frank Mill, der im Mittelpunkt stehen sollte, vielmehr war der Fokus auf einen Stürmer im Kleeblatt-Trikot gerichtet: Oliver Zettl (damals 26 Jahre alt) avancierte mit zwei blitzsauberen Treffern zum Mann des Tages und erlangte zumindest für diesen und in den folgenden Tagen nationale Bekanntheit.

Die Vorzeichen, dass es ein "unvergessliches Erlebnis" für Zettl & Co werden sollte, standen eigentlich alles andere als gut. Drei Spielklassen standen zwischen den Gastgebern aus der Landesliga und dem Bundesligisten aus Westfalen. "Es war schweineheiß, der heißeste Tag im Jahr, sicher kein Vorteil für Amateure", erinnerte sich Martin Hermann zurück.

Das Stadionheft zum Pokalspiel SpVgg Fürth - Borussia Dortmund 04.08.1990
fussballn.de


"Wir haben den Aufstieg in die Bayernliga verpasst und sollten dann bei 40 Grad im Schatten auflaufen, so richtig viel haben wir uns nicht ausgerechnet", weiß Glintschert, der dennoch mit Kleeblatt-Boss Edgar Burkart in den Tagen davor eine Siegprämie ausgehandelt hatte. "Glintsch, eine Siegprämie gegen Dortmund?", hatte das Urgestein der SpVgg die Forderung seines Vize-Kapitäns nicht so recht ernst genommen und dennoch zugestimmt.

"Vor der Hitze, die an dem Tag herrschte, hatten wir schon einigen Respekt. Es war ein absolutes Freibadwetter und wir sollten gegen Profis spielen, die uns konditionell weit überlegen sein mussten", ahnte Zettl nicht, was jener Tag für die Kleeblättler bedeuten würde. Auch viele Fußballfans gaben keinen Pfifferling auf die SpVgg und zogen den Besuch des Freibades vor, so wurden nur 3800 Besucher gezählt - "hinterher haben sich viele geärgert, dass sie nicht gekommen sind", weiß Glintschert.


Ausverkauft war der Ronhof am 4. August 1990 nicht - viele zogen einen Besuch im Freibad vor.
privat


Unterschiedliche Erinnerungen an den Spielverlauf


Der Start in die Partie war dazu alles andere als gut. Libero Glintschert leistete sich einen kapitalen Fehlpass ("Ich habe dem Flemming Povlsen den Ball genau in die Füße gespielt und hab mir gedacht: Oh weh, das geht ja gut los!") und Verteidiger David Schneider konnte den dänischen Nationalstürmer nur mit der gerade neu im Regelwerk verankerten Notbremse stoppen. Referee Boos stellte Schneider, der im Übrigen als einziger Fürther der damaligen Elf in späteren Jahren noch im Profibereich (beim Hamburger SV) spielen sollte, vom Platz - 88 Minuten in Unterzahl waren bei großer Hitze fortan zu gehen.

Norbert Glintschert bei der SpVgg Fürth

Norbert Glintschert war der Abwehrchef beim Kleeblatt und wird den Pokalfight gegen Dortmund nie mehr vergessen.
Foto: privat

Interessanterweise haben die drei SpVgg-Kicker heute unterschiedliche Erinnerungen an den Spielverlauf. Während Martin Hermann zunächst sicher war, dass es neben der Roten Karte auch einen Strafstoß gab, den Povlsen verwandelte, war Glintschert der Meinung, dass die Notbremse kurz hinter der Mittellinie war und das 0:1 von Povlsen nicht aus dieser Szene resultierte. Den Aufzeichnungen zufolge stimmt aber die Version von Oliver Zettl, der sagte, dass die Rote Karte zunächst ohne Folgen geblieben war und er selbst dann in der 18. Minute die Fürther in Führung geschossen habe. Zettl hat Recht, wie inzwischen auch Hermann feststellte, als er in alten Zeitungsausschnitten kramte und verblüfft zugab, die Torfolge über all die Jahre falsch in Erinnerung gehabt zu haben und damit wohl nicht allein war: "Ich hätte Haus und Hof verwettet! Aber auch Bernd Lunz, mit dem ich dazu vor Jahren telefoniert habe, war der Meinung, dass wir zurückgelegen haben."


Einig sind sich die Akteure von damals dagegen in ihrer Auffassung über den Auftritt des Bundesligisten. "Die haben uns ganz klar unterschätzt und wir haben dann tolle Moral bewiesen und uns den Sieg absolut verdient", sagt Glintschert. "Wir haben wirklich großartig gespielt, waren fußballerisch ganz klar besser, eigentlich geht das ja gar nicht gegen einen Bundesligisten", bestätigt Hermann. "Nach unserem Schockerlebnis mit dem frühen Platzverweis haben die Dortmunder die Sache auf die leichte Schulter genommen, waren sehr lethargisch und dann hat das Ganze eine Eigendynamik angenommen", blickt Zettl zurück, der beim 1:0 zwei Gegenspieler an der rechten Strafraumkante düpierte und den Ball mit viel Effet unhaltbar ins linke Eck schlenzte.


Malochen bis die Muskeln krampften


Die persönliche Perspektive des Spiels beschreibt Glintschert, der mit fast 35 Jahren damals der Oldie im Team war, damit, dass er seinen Fehler wieder gut machen wollte und ihm tatsächlich noch ein gutes Spiel gegen die Größen Michael Rummenigge, Michael Zorc, Flemming Povlsen und Jürgen "Kobra" Wegmann gelang. Hermann erinnert sich an "Muskelkrämpfe nach dem Spiel. Nach der Unterzahl habe ich auf der linken Seite ordentlich malochen dürfen gegen Michael Lusch und Sergey Gorlukovich, einem echten Treter. Das, was man da rausschwitzte, konnte man dem Körper so schnell gar nicht mehr zuführen." Oliver Zettl hatte es in vorderster Front mit Nationalspieler Thomas Helmer und Gorlukovich zu tun. "So richtig waren die nicht auf der Höhe. Ich habe in den Zweikämpfen relativ schnell gemerkt: Hoppla, da geht ja was", wusste der zweifache Torschütze um die einmalige Chance ("Vorne hat der Zettl die ganz schön aufgeschwanzt", erinnert sich Glintschert lachend).


Von der Unterzahl oder dem Klassenunterschied war im weiteren Verlauf nichts zu spüren. Selbst der Ausgleich durch Povlsen zehn Minuten nach Zettls 1:0 konnten die toll aufspielenden Amateure noch vor der Pause mit einem ganz speziellen Treffer kontern. Der heutige Bundesliga-Trainer beim FSV Mainz 05, Achim Beierlorzer, für den im Stadionheft eine 1,5-Zimmer-Wohnung gesucht wurde, hatte einen im Abschlusstraining einstudierten Freistoßtrick so gekonnt ausgeführt, dass BVB-Keeper Teddy de Beer das Nachsehen hatte. "Den hat der Lorzer göttlich getroffen, das war sensationell", schwärmt Hermann noch heute. "Das war ein Trick, der hat auch wirklich nur einmal geklappt, nicht davor und nie mehr danach, aber an dem Tag hat einfach alles gepasst", sagt Zettl.


In der 65. Minute legte Zettl noch ein Tor nach, ehe er Minuten später unter großem Beifall als Matchwinner ausgewechselt wurde - es blieb beim 3:1-Sieg für die SpVgg Fürth. "Oli hat sich mit diesem sensationellen Spiel wirklich ein Denkmal gesetzt", weiß Hermann. "Das besondere bei dem Sieg war ja, dass es trotz Unterzahl absolut verdient war. Wir hätten am Ende sogar 4:1 oder 5:1 gewinnen müssen", blickt Glintschert zurück.

Nach dem Pokalsieg stand der Ronhof Kopf.
privat

 

Zettls Doppelpack wurde zur Legende

Für Oliver Zettl, mit 48 Treffern immer noch erfolgreichster Pokaltorschütze der Vereinsgeschichte, war es ein Highlight seiner Karriere: "Von der Wertigkeit war es sicher das Spiel meines Lebens, auch wenn ich vielleicht noch ähnlich gute oder sogar bessere Spiele gemacht habe. Aber so ein Spiel, in der Konstellation, kommt nur alle zehn bis zwanzig Jahre vor." Für Martin Hermann, mit 72 Pokaleinsätzen Rekordhalter des Kleeblatts, war die Partie eine Riesensensation und ein echtes Highlight, aber "nicht das wichtigste und größte Spiel" der eigenen Laufbahn. "Da würde ich das Bayernliga-Spiel vor 18.000 Zuschauern gegen Bamberg, den Aufstieg aus der Landesliga oder das Finale um die U20-WM in Australien nicht darunter ansiedeln wollen", so Hermann. "Ich war ja schon Mitte dreißig, hatte davor zwei schwere Verletzungen, aber zu der Zeit war ich topfit. Das war ein sehr schönes Erlebnis und und als einzelnes Spiel zweifelsohne ein Höhepunkt in meiner Karriere", schaut Glintschert gerne zurück.


Aber nicht nur auf das eine Spiel, sondern auch ganz allgemein auf die Zeit mit der Truppe beim Kleeblatt blicken alle drei gerne zurück. "Wir waren spielerisch richtig stark, das war eigentlich schon besser als Landesliga, das darf man nicht vergessen und wir hatten einige Spieler dabei, die sicher das Zeug zur Profikarriere gehabt hätten. Oliver Zettl war ein super Stürmer, nicht nur in diesem einen Spiel, er war immer präsent und hätte das Zeug gehabt, im Profibereich zu spielen, allerdings hat er seine berufliche Laufbahn nicht aufs Spiel setzen wollen. Aber beispielsweise auch ein Harry Ebner war gut genug für den Profibereich", urteilt Glintschert, der damals hinter Keeper Roland Kastner Vize-Kapitän war.

Matchwinner Oliver Zettl wurde nach dem Spiel vom ZDF in der Fürther Kabine interviewt.
ZDF


Zur womöglichen großen Karriere fehlte Zettl tatsächlich schon unabhängig von seinem großen Auftritt im Pokal nur eine Unterschrift, als er schon Jahre vorher beim Probetraining bei Werder Bremen unter Otto Rehhagel neben Rudi Völler vorspielte und für gut befunden wurde, doch "als bodenständiger Franke" nicht den Sprung wagen wollte. "Das waren aber ganz andere Zeiten, mit heute nicht zu vergleichen. Wenn man ans Finanzielle denkt, muss man sich freilich kurz schütteln, aber es ist gut, so wie es gelaufen ist", ärgert sich Zettl auch Jahre danach nicht. Im Übrigen bekam er vom Vorstand der Bank, für die er damals arbeitete, "eine Belobigung für die gute sportliche Leistung", erinnert sich der Familienvater schmunzelnd zurück.

Weinheim stahl die Show im Fernsehen

Auch im medialen Bereich waren die Zeiten noch andere im Jahr 1990. Der Bayerische Rundfunk war mit einem Kamerateam vor Ort, es gab eine Zusammenfassung in der Sportschau (siehe unten). Doch Pech hatten die Fürther, dass just an diesem Tag der große FC Bayern München beim badischen Oberligisten FV Weinheim mit 0:1 unterlag und der Fürther Sieg damit etwas in den Schatten rückte ("Unser Sieg, der wegen der Unterzahl eigentlich mehr Wert war, wurde deshalb kaum gewürdigt", so Hermann). Dafür durfte am Montagabend nach dem Spiel Doppel-Torschütze Oliver Zettl mit Trainer Günter Gerling bei "Blickpunkt Sport" in illustrer Runde mit Bayerns Stefan Effenberg und Brian Laudrup unter der Moderation von Gerd Rubenbauer auftreten. "Das war schon eine ganz andere Welt. Wir hatten in Fürth gute Fußballer, sind aber zum Teil mit dem Fahrrad zum Training gekommen. Ebner, Glintschert, Hermann - da waren schon noch mehr, die es zum Profi hätten schaffen können, das waren richtig gute Kicker", sagt Zettl, der heute als stiller und entspannter Beobachter des Fußballs die Zeit genießt.


Kontakt zum Kleeblatt

2012 gab es eine Neuauflage der Partie sogar im Halbfinale des DFB-Pokals. Über die Einladung der SpVgg Greuther Fürth dazu hatten sich die Pokal-Helden sehr gefreut und pflegen heute noch ein gutes Verhältnis zum Ronhof. Glintschert hat den Werdegang im Ronhof immer mal wieder live im Stadion verfolgt und freut sich über den "sauberen Fußball", welche das Kleeblatt zwischenzeitlich in die Bundesliga gebracht hatte. 


"Klar ist der Kontakt über die Jahre weniger geworden, es sind ja auch viele neue Gesichter dort, aber das Verhältnis ist nach wie vor gut. Es tut mir nur um Edgar Burkart leid, dass er den vielleicht größten Erfolg seines Vereins nicht mehr miterleben konnte - das war eine honorige Person, der dieser Erfolg zu gönnen gewesen wäre", schaute Zettl damals auf das Pokal-Halbfinale und den folgenden Bundesliga-Aufstieg.


Immer im direkten Kontakt zum Kleeblatt blieb auch nach seiner Karriere Martin Hermann - schon allein aus beruflichen Gründen. Deshalb spricht der gebürtige Oberpfälzer noch vom "wir", wenn er über die heutige SpVgg Greuther Fürth redet. Ohne ein "Wir-Gefühl" wäre eine solche Sensation wie vor 30 Jahren auch nicht möglich gewesen.


SpVgg Fürth: Roland Kastner - Norbert Glintschert - Bernd Lunz, David Schneider - Norbert Förster, Frode Holmeide, Achim Beierlorzer, Christof Pieczyk (57. Andreas Sendner), Martin Hermann - Harald Ebner, Oliver Zettl (71. Uwe Auernhammer); Trainer: Günter Gerling.


Borussia Dortmund: Wolfgang de Beer - Thomas Helmer - Sergey Gorlukovich, Michael Schulz - Robert Nikolic, Thomas Franck (46. Gerhard Poschner), Michael Lusch, Michael Zorc, Michael Rummenigge (69. Jürgen Wegmann) - Frank Mill, Flemming Povlsen; Trainer: Horst Köppel.


Tore: 1:0 Zettl (18.), 1:1 Povlsen (28.), 2:1 Beierlorzer (38.), 3:1 Zettl (65.).


Schiedsrichter: Boos (Friedrichsdorf) / Zuschauer: 3800.


Gelbe Karten: Beierlorzer, Pieczyk - Schulz, Franck, Gorlukovich.


Rote Karte: David Schneider (2., Notbremse).



Der Beitrag der Sportschau zum Spiel:


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