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Artikel veröffentlicht am 05.07.2008 um 01:45 Uhr
Was macht eigentlich…?:
Der ATS 1861 Kulmbach
MAGAZIN
Die Nachricht schlug eine wie eine Bombe: Kurz vor Beginn der Saison 2004/2005 zog der ATS Kulmbach aus finanziellen Gründen seine Mannschaft aus der Bezirksoberliga zurück – eine Entscheidung, von der sich der Traditionsverein aus der Markgrafenstadt wohl auf Jahre hinaus nicht mehr erholen dürfte.
Von
Robert Schäfer
„Was uns seinerzeit vom Hauptverein angetan wurde, ist nicht wiedergut zu machen“, konstatiert Werner Dierschke, Leiter der Fußballabteilung beim ATS und seit rund fünfzig Jahren Mitglied im Verein. Dierschke hat in diesem halben Jahrhundert viel erlebt, die großen Zeiten des ATS in der Bayernliga ebenso wie die bitteren Abstiege in die Landes- und Bezirksoberliga. Vor allem in den siebziger und frühen achtziger Jahren war Kulmbach eine der besten Adressen im bayerischen Fußball, von 1974 bis 1982 war der ATS in der Bayernliga vertreten, und hier nicht selten in der Spitzengruppe. Ihr bestes Jahr hatten die Kulmbacher in der Saison 1976/77, als der Klub die Runde als bayerischer Vizemeister abschloss. Vergangen, vorbei, vergessen. Heute kickt der ATS in der Kreisklasse Bayreuth 2, nachdem man im Vorjahr buchstäblich ganz unten einen Neuanfang gewagt hatte.
Rückzug aus finanziellen Gründen
Es waren, wie schon erwähnt, finanzielle Gründe, die letzten Endes zum Rückzug des ATS aus der Bezirksoberliga führten. Sportlich war es noch im Jahr vor dem großen Knall sehr gut gelaufen, Kulmbach hatte die Saison 2003/2004 als Tabellenvierter abgeschlossen. „Aus sportlicher Sicht war der Rückzug der Mannschaft nicht nachvollziehbar“, betont Werner Dierschke. „Meiner Meinung nach hätten wir durchaus im Spielbetrieb verbleiben können. Sicherlich: Viele Spieler hätten uns wahrscheinlich verlassen, und wir wären wohl sang- und klanglos abgestiegen, doch dann hätten wir in der Bezirksliga einen Neuanfang wagen können“. In der Bezirksliga, nicht in der A-Klasse. Doch genau dort landete der ATS nach einer denkwürdigen Mitgliederversammlung, die Wunden schlug, welche bis heute noch nicht verheilt sind.
„Ein Schlag ins Gesicht“
Die genauen Ursachen und Gründe für die finanzielle Misere des ATS waren vielfältiger Natur und würden wohl ausreichend Stoff für einen eigenen Bericht líefern. Wie auch immer: Als die Lage schließlich kritisch wurde, reagierte der Hauptverein. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung wurde einberufen, und noch in der selben Nacht wurde die Mannschaft per Fax vom Spielbetrieb zurückgezogen. Als sich aber im Verlauf der Versammlung herausstellte, dass eine Mehrheit der Mitglieder für einen Verbleib der Mannschaft votierte, versuchte der Vorstandvorsitzende einen Rückzug vom Rückzug – vergeblich. Der BFV bzw. der damalige Bezirksspielleiter Jürgen Faltenbacher sahen das erste Fax als verbindlich an, der ATS war – salopp formuliert – raus aus dem Geschäft. Noch heute ringt Werner Dierschke um Fassung, wenn er an die Geschehnisse zurückdenkt, die den ATS letztlich in die fußballerische Bedeutungslosigkeit katapultierten. „Das ganze war eine Nacht- und Nebelaktion, eine riesiger Fehler, ein Schlag ins Gesicht der Fußballer“.
2005: Neubeginn in der A-Klasse
Die Verbitterung ist groß, vor allem in Bezug auf das Verhalten des Hauptvereins. Denn noch immer ist Vorstandsvorsitzender Holger Bierek im Amt – für Dierschke ein Unding, ja ein Skandal. Zumal der Fußballabteilung seit dem Rückzug weitgehend die Hände gebunden sind. „Seit diesem Debakel sitzt uns der Hauptverein im Nacken, wir können einfach nicht machen, was wir wollen“. Schwere Zeiten also für Kulmbachs Fußballer, die immerhin über viele Jahre hinweg das Aushängeschild des Vereins darstellten. Doch alles Klagen hatte und hat keinen Sinn, ein Neuanfang musste gewagt werden, ganz unten, in der A-Klasse Bayreuth 3. Nach einem Jahr Zwangspause meldete der ATS zur Saison 2005/2006 wieder eine Mannschaft an. Diese rekrutierte sich in weiten Teilen aus ehemaligen, nun nach Kulmbach zurückgekehrten Jugendspielern des Vereins, die diesem, so Dierschke, „etwas zurückgeben wollten von dem, was sie einst vom ATS mitbekommen hatten – nämlich eine gute fußballerische Ausbildung“. Geld hingegen erhalten diese Spieler nicht für ihr Engagement – es ist nämlich schlicht und einfach keines da.
Spielerdecke wird immer dünner
Der ATS Kulmbach sicherte sich in der Saison 2005/06 überlegen die Meisterschaft in der A-Klasse Bayreuth 3.
ATS Kulmbach
Wie die Mannschaft so ist auch ihr Trainer ein Kulmbacher Eigengewächs: Matthias Morck, für den ATS in der Landesliga aktiv, später dann unter anderem in Diensten des SC Weismain und des VfB Coburg, kehrte mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebes als Spielertrainer zu seinem Heimatverein zurück. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Mit 77 Punkten und 147:28 Toren wurde der ATS überlegener Meister in der A-Klasse Bayreuth 3 und stieg mit großem Vorsprung vor der Konkurrenz in die Kreisklasse auf. Wer nun aber erwartete, dass der ATS auch die Kreisklasse im Eiltempo durchlaufen würde, dürfte zwischenzeitlich einigermaßen ernüchtert sein. „Anfangs sah es auch in der Kreisklasse ganz gut aus, dann aber hörten einige Spieler aus persönlichen Gründen auf, was wiederum Unruhe in die Mannschaft brachte“, beschreibt Dierschke den bisherigen Verlauf der aktuellen Runde. Die Folge: Zur Winterpause steht der ATS lediglich auf Rang vier der Tabelle, mit bereits fünfzehn Punkten Abstand zum Ligaprimus, dem VfB Katschenreuth. „Selbst die Aussichten auf den 2. Platz sind bei sieben Zählern Rückstand nicht gut, auch wenn wir natürlich erst mal noch abwarten wollen, wie die Rückrunde letztlich verläuft. Aber derzeit hat sich einfach unsere Personaldecke sehr stark reduziert, so dass wir wohl aus unserem Nachwuchsbereich den einen oder anderen Spieler werden einbauen müssen“.
Die Begeisterung ist abgeflaut
Trainer Matthias Morck pflichtet Dierschke bei. „Die Begeisterung des ersten Jahres ist wieder etwas abgeflaut. Es waren nun mal ausgerechnet unsere vier wichtigsten Leistungsträger, die vier Eckpfeiler, auf denen wir aufbauten, die uns während der Vorrunde aus privaten und beruflichen Gründen verließen. Die konnten wir einfach nicht ersetzen. Zwei weitere Spieler werden uns in der Winterpause verlassen, so dass wir in Zukunft noch mehr auf junge Spieler bauen werden. Sieben, acht Jugendspieler kommen demnächst raus, die müssen wir nach Möglichkeit an den Verein binden und so eine schlagkräftige Truppe aufbauen. Doch auch wenn wir finanziell keine großen Sprünge machen können: Wir sind, denke ich, auf dem richtigen Weg. Zwar sind keine Sponsoren da, dafür aber pflegen unsere jungen Spieler eine gute Kameradschaft und einen hervorragenden Zusammenhalt“.
Gute Jugendarbeit als Aushängeschild
Die Jugendabteilung, sie ist ohne Frage das Aushängeschild der ATS-Fußballer. Die A- und B-Jugend spielt in der Bezirksoberliga, die C- und D-Jugend mit großem Erfolg in der Kreisliga. Daneben belegen auch drei E-, zwei F- und eine G-Jugendmannschaft sowie einige Kleinfeldmannschaften die gute Nachwuchsarbeit des ATS. Bis jedoch die jungen Kicker der Ersten Mannschaft wirklich eine Hilfe sein können, dürfte noch einige Zeit vergehen. Bis dahin müssen die Kulmbacher notgedrungen kleinere Brötchen backen, denn bei aller Kameradschaft weiß auch Matthias Morck nur allzu gut: „Man kann´s nicht nur mit Jungen machen“. Und dennoch: „Die Hoffnung auf den Aufstieg habe ich noch nicht ganz aufgegeben, auch wenn der Nichtaufstieg sicherlich kein Beinbruch wäre. Aber hätte ich im Verlauf der Vorrunde den anfänglichen Kader durchgehend zur Verfügung gehabt, wären wir jetzt Erster. Jetzt müssen wir halt schauen, dass wir nach dem Verlust unserer Führungsspieler die Saison möglichst gut über die Runden bekommen. Die Jungen jedenfalls sind voll dabei, vielleicht schaffen wir ja doch noch den Sprung auf den zweiten Platz und damit in die Relegation“.
Ziel ist die Kreisliga
Und wenn nicht in dieser Saison, dann nach Möglichkeit in der nächsten. Die Kreisliga, sie ist das erklärte Ziel sowohl von Trainer Morck als auch von Abteilungsleiter Dierschke. „In jedem Fall wollen wir in den nächsten Jahren die Kreisliga anpeilen. Dort gäbe es viele Derbys, entsprechend vielversprechend wäre dann wohl auch wieder der Zuschauerzuspruch“. Weiter denken indes weder Dierschke noch Morck. Die Bezirksliga oder gar die Bezirksoberliga, sie sind momentan in weite Ferne gerückt. Kulmbach als Hochburg des fränkischen Fußballs – dieses Kapitel gehört wohl auf längere Sicht der Vergangenheit an. Die Hoffnung auf eine Wiederkehr, sie ist sicherlich vorhanden, der Glaube daran ist jedoch eher schwach. Werner Dierschke bringt es daher auch auf den Punkt, wenn er auf die Frage nach einer möglichen Rückkehr des ATS in höhere Gefilde lapidar antwortet: „Das kann noch sehr, sehr viele Jahre dauern“.
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