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Artikel veröffentlicht am 06.05.2007 um 16:00 Uhr
Stadien mit Geschichte:
Das Türk-Gücü-Stadion in Neustadt bei Coburg
MAGAZIN
Zugegeben: Der Name „Türk-Gücü-Stadion“ klingt nicht gerade nach einer sonderlich spannenden Historie. Die heutige Bezeichnung ist jedoch sehr viel jünger als das Sportgelände selbst. Als „Stadion an der Sonneberger Straße“ war es einst die Heimstätte des VfL Neustadt – und der wiederum spielte über viele Jahre in der 2. Liga.
Von
Robert Schäfer
Die Geschichte des Fußballsports reicht in der Puppenstadt Neustadt genau einhundert Jahre zurück. Am 20. April 1907 wurde der FC Adler Neustadt ins Leben gerufen, ein zweiter Verein, der VfB Neustadt, im Januar 1919. Zwei Fußballvereine in einer Kleinstadt wie Neustadt – das konnte allerdings nicht lange gut gehen. Bereits im Juli 1919 schlossen sich die beiden daher zum SV 1907 Neustadt zusammen. Von diesem wiederum spaltete sich später der (längst nicht mehr existierende) SC Fröhlich Neustadt ab, und so benannte man den Verein am 14. April 1929 schließlich in „VfL 1907 Neustadt“ um.
Das Angergelände als erster Sportplatz
Der Erfolg der Mannschaft hielt sich in den Zwischenkriegsjahren vorerst noch in Grenzen. Wie die meisten Vereine im Coburger Land gehörte auch der VfL Neustadt zunächst nicht dem Bayerischen, sondern dem Thüringischen Fußballverband an – bekanntlich kam das frühere Herzogtum erst 1920 per Volksentscheid zu Bayern. 1931 machte Neustadt erstmals von sich reden, als die Mannschaft bis zur Endrunde der Mitteldeutschen Meisterschaft vorstieß, dort aber bereits in der Vorrunde am FC Thüringen Weida scheiterte. Immerhin: Dieser erste Achtungserfolg bestärkte die Vereinsführung in ihrem Bestreben, sich endlich ein eigenes und dauerhaftes Sportgelände zu schaffen. Bis dahin nämlich trugen die Neustadter ihre Heimspiele am sogenannten „Angergelände“ aus, das eher ein provisorischer Sportplatz als ein richtiges Stadion war.
Minimaler Komfort: Im Neustadter Stadion wurde seit jeher gestanden, eine überdachte Sitztribüne hat hier nie existiert.
Robert Schäfer
1937: Das Stadion wird eingeweiht
Also machten sich die Fußballer der Puppenstadt an die Arbeit und schufen an der Ausfallstraße nach Sonneberg ein großzügiges Stadion in der Art der damaligen „Kampfbahnen“ – ein Stadion, das in die Natur integriert war, über vielfältige Leichathletikanlagen, Stehränge und ein Umkleidehaus verfügte, jedoch über keine überdachte Sitztribüne. Auch in den späteren Jahren des großen Erfolges verzichtete man in Neustadt auf jeglichen Komfort, bis heute hat sich die Anlage in der Tat kaum verändert. Eingeweiht wurde das „Stadion an der Sonneberger Straße“ am 15. August 1937, nur zwei Jahre später stand der VfL an der Schwelle zur Erstklassigkeit. In der Relegation zum Aufstieg in die Gauliga Bayern scheiterte Neustadt jedoch als Zweitplatzierter knapp. Die großen Zeiten des VfL, sie sollten erst nach dem Zweiten Weltkrieg anbrechen.
Ein Weltmeister als Trainer
Dann aber gewaltig. Begünstigt und finanziell gefördert durch das Neustadter Siemens-Werk, errang der VfL 1951 erstmals die Bayerische Meisterschaft, scheiterte jedoch in der anschließenden Aufstiegsrelegation zur 2. Liga Süd – der damals zweithöchsten Spielklasse – am VfR Aalen und am ASV Feudenheim. 1954 jedoch errang Neustadt erneut den Meistertitel in der – zwischenzeitlich zweigeteilten – Amateurliga Bayern, ging erneut in die Relegation und ließ dort die Konkurrenz, darunter die SpVgg Weiden und Borussia Fulda, hinter sich. Neustadt war damit zweitklassig, ein Erfolg, den wohl niemand der Mannschaft aus dem Grenzland zugetraut hätte. Nach der Teilung Deutschlands lag das Stadion an der Sonneberger Straße nur wenige hundert Meter von der damals noch löchrigen Demarkationslinie entfernt (was vermeintlich schlecht pfeifenden Schiedsrichtern mehr als einmal die Drohung einbrachte, man werde sie „über die Grenze“ bringen). Trotz dieser extremen Randlage strömten nach dem Aufstieg regelmäßig Tausende Menschen herbei, um namhafte Gegner aus ganz Süddeutschland spielen zu sehen – den TSV 1860 München, den SSV Jahn Regensburg, Hessen Kassel, Waldhof Mannheim oder den SV Darmstadt 98. Den Zuschauerrekord stellten in der Saison 1955/56 jene 15.000 Zaungäste auf, die das Gastspiel des eben erst aus der Oberliga abgestiegenen FC Bayern München erleben wollten. Der gewann mit 3:2 und stieg nach nur einem Jahr in der 2. Liga umgehend wieder auf. So weit kam Neustadt zwar nie, doch immerhin neun Jahre hielt sich der VfL in der Zweitklassigkeit. Ein dritter Platz in der Saison 1957/58 sowie Rang vier im Folgejahr belegen die damalige Stärke der Neustadter. Mit Heinz Wittig brachte der Verein zudem einen zweifachen Amateurnationalspieler hervor, und in der Saison 1959/60 gelang es gar, Weltmeister Fritz Walter als Trainer zu verpflichten (allerdings mit nur geringem Erfolg, Neustadt entging als Zwölfter nur knapp dem Abstieg).
Es war auch schon mal voller - zu Zweitligazeiten des VfL Neustadt passierten nicht selten 10.000 Zuschauer und mehr die Stadiontore. Heute verlieren sich bei den Heimspielen des SV Türk Gücü meist nicht mehr als einige Dutzend Schaulustige im weiten Oval an der Sonneberger Straße.
Robert Schäfer
Deutsch-deutsche Duelle
Mindestens genauso viel Aufsehen wie der wachsende sportliche Erfolg der Neustadter Kicker erregten jedoch auch deren Freundschaftsspiele mit Mannschaften aus dem benachbarten Thüringen. Am 31. Juli 1949 – wenige Monate nach der Gründung der Bundesrepublik und vor der Gründung der DDR – fand in Hönbach, auf halber Strecke zwischen Neustadt und Sonneberg, eine Volkskundgebung zur Öffnung der Zonengrenze und Wiederherstellung der Deutschen Einheit statt. 25.000 Menschen aus Ost und West strömten herbei, zahlreiche Redner sprachen sich für eine baldige Wiedervereinigung des eben erst geteilten Deutschlands aus. Im Rahmen der Kundgebung kam es auch zu einem Freundschaftsspiel des VfL gegen die „Zentrale Betriebssportgemeinschaft Industrie Sonneberg“. Sonneberg gewann mit 2:0, doch das war an diesem Tag eindeutig nebensächlich. Alle Zuschauer sprachen nach dem Spiel vielmehr davon, dass die Sonneberger den Rasen mit einem Banner betreten hatten, auf dem zu lesen war: „Wir wollen die Einheit Deutschlands!“. Die Neustadter Spieler indes trugen ein Spruchband mit der Losung: „Und wir auch!“. Am 15. September kam es in Sonneberg zum Rückspiel, vor 2.000 Zuschauern – mehr fasste das alte Sonneberger Stadion nicht – siegten die Gastgeber erneut, diesmal mit 3:2.
Niedergang seit den sechziger Jahren
Die goldene Ära des VfL Neustadt, sie währte knapp zehn Jahre. Als mit Einführung der Bundesliga zur Saison 1963/64 das Ligensystem in Deutschland einer umfassenden Reform unterzogen wurde, kam es zur Auflösung der 2. Ligen. Stattdessen wurden als Unterbau zur Bundesliga fünf Regionalligen geschaffen. Für die neue Regionalliga Süd indes konnte sich der VfL nicht qualifizieren, er wurde schließlich in die Amateurliga Bayern, die dritthöchste Spielklasse, eingegliedert. An die alten Erfolge freilich konnten die Puppenstädter dort nie mehr anknüpfen. Nach nur zwei Jahren in der Bayernliga stieg Neustadt 1965 in die Landesliga Nord ab, in der sich der VfL mit wechselndem Erfolg noch bis 1981 hielt, ehe er endgültig von der überregionalen Fußballbühne abtrat. Nach langen Jahren als Fahrstuhlmannschaft zwischen Kreis- und Bezirksliga drohte dem hochverschuldeten Verein vor wenigen Jahren gar die Insolvenz. Daher schlossen sich am 1. Juli 2003 die Fußballabteilungen des VfL und des benachbarten TBV Wildenheid zu den „Kickers Neustadt-Wildenheid“ zusammen. Von der Kreisklasse arbeitete sich der Verein – der künftig nach der zwischenzeitlich erfolgten Fusion als „TBVfL Neustadt-Wildenheid“ an den Start gehen wird – bis in die Bezirksliga hoch.
Das Stadion ist in die Jahre gekommen, der Zahn der Zeit nagt vor allem an den Stehrängen der Gegengeraden. Durch die Übernahme des Geländes durch den SV Türk Gücü Neustadt ist der Fortbestand der traditionsreichen Spielstätte jedoch auch weiterhin gewährleistet.
Robert Schäfer
2003: Türk Gücü zieht ein
Allerdings: Seine Heimspiele trägt der neue Großverein nicht mehr im altehrwürdigen Stadion an der Sonneberger Straße aus, sondern auf dem TBV-Gelände in Wildenheid. Das vormals vereinseigene Stadion samt Sportheim und Außenanlagen kaufte 2003 der SV Türk Gücü Neustadt auf, bewahrte damit den VfL vor dem finanziellen Aus und schuf sich selbst ein eigenes Domizil. Im nun „Türk-Gücü-Stadion“ genannten Oval trägt der Verein seine Heimspiele in der Kreisklasse Coburg 1 aus. Das Stadion selbst steht noch fast genauso da wie vor fünfzig Jahren – nur ein bisschen in die Jahre ist es gekommen. Doch ein paar Risse in den Stufen der Stehränge sind immer noch besser als ein Abriss, denn mit einem solchen ginge fraglos ein wichtiges Stück süddeutscher Fußballgeschichte ein für allemal verloren.
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