Eigentlich war das Ergebnis an diesem Nachmittag fast nebensächlich. Zwar gewann der SV Gloria Weilersbach sein Benefizspiel gegen den TSV Germania Kirchehrenbach mit 3:1, doch die rund 2300 Zuschauer, die den Sportplatz in Weilersbach schon lange vor Anpfiff füllten, waren aus einem anderen Grund gekommen: Sie wollten sich von Deniz Aytekin verabschieden.
Für den Bundesliga-Schiedsrichter war es ein ganz besonderer Ort für seinen letzten Auftritt an der Pfeife. Bereits 1997 leitete Aytekin hier sein erstes Derby – nun kehrte er noch einmal zurück, um genau dieses Spiel noch einmal zu pfeifen. Entsprechend groß war die Kulisse: Die Feuerwehr regelte bereits ab der Ortsmitte den Verkehr, rund um den Platz herrschte beste Stimmung, an allen vier Seiten wurden Bratwürste und Bier verkauft, ein großes Soundsystem sorgte für Stimmung und selbst ein Videoassistent gehörte zum Rahmenprogramm. Die weiteste Anreise hatten dabei zwei junge Sportfreunde aus Kiel, die sich dieses besondere Ereignis nicht entgehen lassen wollten.
Tobias Schanda links wird von Murati Muhamet bedrängt.
Lukas Götz
Spielertrainer Patrick Hagen spielte bei Weilersbach nicht mit, er wollte so vielen seiner Spieler wie möglich die Chance geben zu spielen, und setzte deshalb selber aus. Dem TSV Kirchehrenbach fehlte Kapitän Marco Wagner der im Urlaub war. In der ersten Halbzeit waren die beiden Schiedsrichter-Zwillinge David und Benjamin Wagner als Linienrichter tätig. Bereits nach wenigen Augenblicken hatte Yannick Stelzner den ersten Abschluss für den TSV Kirchehrenbach. Danach übernahm jedoch Weilersbach zunehmend die Kontrolle. Nach neun Minuten spielte Maximilian Kapp einen feinen Ball über die Defensive, Barnabas Varallyay blieb vor dem Tor cool und lupfte überlegt zum 1:0 ein. Auch in der Folge blieb Gloria die gefährlichere Mannschaft. Dominik Zametzer ließ gleich mehrfach gute Möglichkeiten liegen, Philipp Hoffmann prüfte den Schlussmann mit einem Schlenzer und Maximilian Kapp versuchte es aus der Distanz. Der TSV musste sich zu diesem Zeitpunkt bei seinem starken Keeper Leon Hegele bedanken, der eine Wiederholung des Spielverlaufs vom 12.04. verhinderte, als Weilersbach nach 18 Minuten 3:0 führte. Kirchehrenbach kam ab Mitte der ersten Halbzeit besser in das Spiel und durch Muhamet Murati zu zwei guten Gelegenheiten. Immer wieder richteten sich die Blicke aber auf den Mann in Schwarz. Deniz Aytekin hatte keinerlei Probleme, die Partie zu leiten, es ging meist fair zu. Oft ließ der Bundesliga-Schiedsrichter Vorteil laufen, und er bewertete alle Situationen korrekt. Dass er ohne eine persönliche Strafe gegen einen Spieler auskam, zeigte seine Klasse umso mehr. Als Aytekin unter großem Applaus zur Halbzeit pfiff, zeigte sich, worum es an diesem Tag wirklich ging.
Philipp Hoffmann sucht nach Anspielstationen.
Lukas Götz
Nach dem Seitenwechsel wechselten beide Mannschaften nahezu komplett durch und auch die beiden Schiedsrichter-Assistenten wurden ersetzt. Hans Rößlein und Felix Wild übernahmen als Linienrichter. Weilersbach blieb weiter dominant, folgerichtig traf Adrian Amon nach 61 Minuten zum verdienten 2:0. Nachdem er zuvor zwei Gegenspieler ausgedribbelt hatte, und dann flach präzise gegen die Laufrichtung des Torwarts abschloss. Luca Müller erhöhte wenig später mit einem platzierten Abschluss aus rund 18 Metern auf 3:0, nach Ablage von Christopher Ott. Nach einem vermeintlichen Foul an sich rief Julian Dangel "Ey Schiri", das brachte dann sogar Deniz Aytekin zum Schmunzeln, das Foul bekam Dangel trotzdem nicht. Die emotionalste Szene des Tages folgte jedoch in der 70. Minute. Deniz Aytekin wurde zum "Videoassistenten" nach außen gerufen. Dort wurden ihm alte Mitschnitte des Spiels von 1997 gezeigt. Anschließend wandte sich Aytekin per Mikrofon an die Zuschauer:
"Ich möchte mich erstmal bei beiden Vereinen bedanken, die dieses tolle Spiel möglich gemacht haben. Dann möchte ich mich bei den Spielern bedanken, dass ihr etwas Rücksicht auf mich genommen und langsamer gespielt habt. Ich möchte mich auch bei allen Schiedsrichtern bedanken, die heute hier sind, exemplarisch bei Hans Rößlein, der die wahre Legende ist. Meine Bitte an alle Fans wäre, dass ihr euren Ärger auch mal runterschluckt, es sind tolle Jungs und Mädels, die diesen Job machen, und die geben ihr Bestes. Ich habe in meinem Leben kein Spiel gefunden, was fehlerfrei war, aber ich glaube bis zur jetzigen Minute, bin ich heute ohne größere Fehler durchgekommen. Deswegen ist es an der Zeit, mich selber auszuwechseln und an einen ganz jungen Schiedsrichterkollegen zu übergeben. Ich habe im Amateurfußball meine Karriere begonnen, und es ist mir eine Ehre, sie hier zu beenden."
Danach folgte die symbolische Staffelübergabe: Aytekin übergab die Pfeife an den erst 15-jährigen Schiedsrichter Karl Schwing und verabschiedete sich damit dort, wo einst alles begann. Auch Assistent und Schiedsrichter-Urgestein Hans Rößlein wollte sich eigentlich auswechseln lassen, aber da kein Ersatz parat stand, ließ er sich nicht lumpen und zog das Spiel bis zum Ende durch. Kurz vor Schluss gelang Muhamet Murati noch der Treffer zum 1:3-Endstand für Kirchehrenbach, ehe endgültig Schluss war.
Maximilian Kapp dribbelt Schiedsrichter Aytekin aus.
Lukas Götz
Nach dem Schlusspfiff rückte schließlich noch einmal das in den Mittelpunkt, worum es an diesem besonderen Tag eigentlich ging: helfen. Deniz Aytekin selbst spendete zusätzlich 5000 Euro an die Lebenshilfe in Forchheim und setzte damit ein weiteres Zeichen. Anschließend übergaben die beiden Vereinsvorstände gemeinsam symbolisch den Scheck mit den Einnahmen des Benefizspiels an die Lebenshilfe. Spätestens in diesem Moment wurde klar, dass dieses Spiel weit mehr war als ein Fußballnachmittag. Es war ein emotionaler Abschied, eine Reise zurück zu den Anfängen – und vor allem ein Tag, an dem Fußball Menschen zusammenbrachte und Gutes bewirkte. Als Aytekin zum letzten Mal den Platz verließ, gab es noch einmal langen Applaus für einen Schiedsrichter, dessen letzter Tanz dort endete, wo einst vieles begann. Denis Aytekin nahm sich nach dem Spiel Zeit, ausnahmslos allen, die fragten, ein Autogramm zu geben oder ein gemeinsames Bild zu machen, eine tolle Geste, die noch einmal unterstrich, was Aytekin für ein Typ Mensch ist.
Spielbericht eingestellt am 07.06.2026 21:24 Uhr