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Artikel veröffentlicht am 08.12.2007 um 10:00 Uhr
Stadien mit Geschichte: Das Waldstadion in Weismain
Das Waldstadion in Weismain – es scheint auf den ersten Blick nicht so recht zu passen in eine Serie über historische Stadien. Doch die Zeiten, da hier der 1. FC Nürnberg oder die Offenbacher Kickers zu Regionalligaspielen aufkreuzten und viele Tausend Fußballfans aus ganz Oberfranken in die Fränkische Schweiz pilgerten, gehören bereits seit fast zehn Jahren der Vergangenheit an. Der Ruhm des SC Weismain ist längst vergangen, der Verein verschwunden, geblieben aber ist das Stadion.
Von Robert Schäfer
Es war ein atemberaubender Aufstieg, den der SC Weismain in den achtziger und neunziger Jahren nahm – und ein schier bodenloser Fall, der der Euphorie bald folgte. Als sich 1922 die ersten Fußballer des Jurastädtchens im FC Weismain zusammenschlossen, dachte wohl niemand daran, dass der Verein dereinst auf Augenhöhe mit dem 1. FC Nürnberg spielen würde. Und in der Tat waren die Weismainer Kicker über lange Jahre Stammgast in den unteren Ligen, die Gegner kamen aus den umliegenden Dörfern und Kleinstädten. Nach der Neugründung 1945 – wie alle Vereine war auch der FC Weismain mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten zunächst einmal verboten worden – wurde aus dem FC der SC Weismain. Zur selben Zeit wurde am Stadtrand auch der erste eigene Sportplatz angelegt – das spätere Waldstadion. Möglich wurde dessen Bau vor allem durch die Hilfe der US-Army, deren Panzer die steil abfallende Waldrodung des Areals einebneten und so aus dem unwegsamen Gelände einen passablen – in den ersten Jahren allerdings noch namenlosen – Fußballplatz schufen.  

Kreisklassenfußball vor leeren Rängen: Bei den heutigen Spielen des SCW Obermain ist das Waldstadion meist nur spärlich besucht.
Robert Schäfer

Erster Höhenflug Ende der sechziger Jahre


Erst 1968 wurde aus dem „Sportplatz Weismain“ offiziell das „Waldstadion“. Es war die erste Blütezeit des SC Weismain, der in jenem Jahr den bis dahin größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte errang: Den Aufstieg in die Bezirksliga West. Pünktlich zum Saisonauftakt wurde der vormalige Sportplatz etwas aufgefrischt und am 11. Juli 1968 offiziell als „Waldstadion“ wiedereingeweiht. Der Ausflug in die damals fünfthöchste Spielklasse war jedoch ebenso kurz wie schmerzhaft; nach nur einer Saison stieg Weismain als Tabellenletzter mit ganzen neun Punkten auf dem Konto wieder in die A-Klasse ab. Erst vierzehn Jahre später kehrte der Verein in die Bezirksliga zurück – und begann seinen steilen Aufstieg, der ihn schließlich bis in der Regionalliga Süd führen sollte. Das Weismainer Fußballwunder in Stichworten: 1983 Aufstieg in die Bezirksliga, bereits 1985 erneuter Aufstieg in die Landesliga Nord, nach einem dramatischen Entscheidungsspiel gegen den TSV Hirschaid, das der SCW im Elfmeterschießen mit 7:6 zu seinen Gunsten entschied. In der Landesliga zehn, meist erfolgreiche Jahre, in denen der SC Weismain des öfteren ans Tor zur Bayernliga klopfte. 1995 endlich der lang ersehnte Aufstieg ins bayerische Oberhaus, dort binnen einen Jahres Durchmarsch in die Regionalliga Süd – Weismain war auf dem Gipfel angekommen, man schrieb das Jahr 1996.  

Am Waldhang wächst ein Stadion empor

Möglich gemacht hatte das Weismainer Fußballwunder vor allem ein Mann: Alois Dechant. Der hiesige Bauunternehmer unterstützte nach besten Kräften den Verein, was sich nach außen hin vor allem im Ausbau des Waldstadions zu einem der schönsten Naturstadien Deutschlands niederschlug. Schrittweise wurde das Waldstadion seit dem Aufstieg in die Bayernliga bis auf ein Fassungsvermögen von etwa 17.000 Plätzen vergrößert, es entstand eine Arena, die nach ihrer endgültigen Fertigstellung von Fußballhistoriker Hardy Grüne als „eines der atemberaubendsten Stadien des Landes“ bezeichnet wurde. Die Anfänge freilich waren bescheiden. Zu Landesligazeiten verfügte das Stadion lediglich über eine kleine Sitztribüne, die 480 Besuchern Platz bot. Diese wurde nach dem Bayernligaaufstieg um eine überdachte Stehplatztribüne ergänzt, welche wiederum nach dem erneuten Aufstieg in die Regionalliga zur südlichen Torseite hin erweitert wurde und schließlich insgesamt 4.000 Zuschauern Platz bot. An der Ostseite wuchsen zeitgleich neun Betonstufenreihen für weitere Stehplätze in die Höhe, bis schließlich insgesamt 10.000 Menschen im Waldstadion Platz fanden – genug, um 1996 hier erstmals auch ein internationales Match auszutragen, ein U-16-Länderspiel gegen die Tschechische Republik. Doch abgeschlossen war der Ausbau des Stadions damit noch lange nicht, ganz im Gegenteil! Im selben Jahr, in dem der SC Weismain in die Regionalliga aufstieg, war nämlich der ruhmreiche 1. FC Nürnberg in eben diese abgestiegen. Für die Weismainer und ihren Präsidenten Dechant Grund genug, noch eine Schippe draufzulegen.  

Länderspielreif: Die Stehtribüne auf der Südseite des Stadions.
anpfiff

Das Jahrhundertspiel gegen den Club


Als ruchbar wurde, dass der „Club“ seine Visitenkarte in Weismain abgeben würde, ergänzte man die neun Stehstufen am Waldhang um weitere achtzehn Ränge aus Sandsteinrohlingen, zudem wurde auch noch eine Flutlichtanlage installiert und die Südtribüne nochmals ausgebaut und überdacht. 17.000 Zuschauer fasste das Waldstadion nun, damit zählte es zu den größten Arenen in ganz Nordbayern. Am 12. April 1997 war es schließlich so weit: Der 1. FC Nürnberg gab sich die Ehre zum fränkischen Derby, das Waldstadion platzte aus allen Nähten. Am Ende hatte zwar der Club mit 0:2 die Nase vorn, doch auch die Weismainer durften zufrieden sein. Die erste Saison in der Regionalliga schloss der Sportclub auf einem achtbaren zehnten Rang ab, alles schien für die Zukunft möglich. Präsident Dechant träumte bereits laut von einem Aufstieg in die 2. Bundesliga, die Euphorie um den kleinen Verein aus der 4.700-Einwohner-Gemeinde war schier grenzenlos. Dann allerdings begann es zu kriseln in der bis dahin heilen Weismainer Fußballwelt.  

Der Euphorie folgte der Fall ins Bodenlose

Die Saison 1997/98 schloss der SCW immerhin noch auf Platz elf ab, im nächsten Spieljahr jedoch folgte der jähe Absturz. Trainer wie Spieler gaben sich gleichermaßen die Klinke in die Hand, Querelen in der Vereinsführung taten ein Übriges, am Ende seiner dritten Regionalligasaison wurde Weismain Siebzehnter und stieg in die Bayernliga ab. Zu den sportlichen Problemen gesellten sich alsbald finanzielle Schwierigkeiten. Die Bayernliga wurde fast schon erwartungsgemäß erneut im Schnelldurchlauf absolviert, nur diesmal eben in die Gegenrichtung. Im Jahr 2000 spielte Weismain wieder in der Landesliga, 2002 folgte gar der Sturz in die Bezirksoberliga. Aus dieser stieg man zwar postwendend wieder auf, musste jedoch während der Saison 2003/04 schließlich Insolvenz anmelden – jahrelang hatte Weismain schlicht und ergreifend über seine Verhältnisse gelebt, hatte durch die Verpflichtung gestandener Profis und den an sich schon teuren Spielbetrieb in der Regionalliga einen Schuldenberg aufgehäuft, der letztlich zum Kollaps des Klubs führte. Der Traum vom großen Fußball in Weismain – er endete mit einem bösen Erwachen.  

Imposante Kulisse: 27 Stehränge - neun aus Beton, achzehn in Form von Sandsteinrohlingen - steigen am Waldhang steil empor. 
Robert Schäfer

Neugründung mit Spielern aus der Altliga


Und heute? – Noch 2004 wurde mit dem SCW Obermain ein neuer Fußballklub in Weismain gegründet, unterstützt von Spielern aus der Altliga wagte der Verein einen Neuanfang ganz unten, in der A-Klasse. Die Saison 2004/2005 schloss Weismain als Tabellenzehnter ab, im Jahr darauf wurde man Neunter. Zu wenig für einen Verein mit dieser Geschichte! Zur Saison 2006/2007 wurde daher die Mannschaft massiv verjüngt und bewerkstelligte prompt den souveränen Aufstieg in die Kreisklasse – das erste Erfolgserlebnis seit dem Konkurs des SC Weismain und der darauf folgenden Neugründung. In der laufenden Saison also spielt Weismain in der Kreisklasse, dort, wo der Verein vor seinem Höhenflug der achtziger und neunziger Jahre lange Zeit Stammgast gewesen war. Der Erfolg des SCW verblasst allmählich, geblieben ist aber das Waldstadion mit seinen 27 Stehrängen, die am Waldhang steil emporwachsen und noch immer einen imposanten Anblick bieten. Allerdings ist der SCW Obermain lediglich zu Gast im vormals vereinseigenen Schmuckkästchen. Nach der Insolvenz floss auch das Waldstadion in die Konkursmasse mit ein und wird seither von einer Kanzlei in Kronach verwaltet. Von dieser pachtet der Verein das Stadion halbjährlich und hält im Gegenzug die Anlage nach besten Kräften instand. So richtig voll wird es im Waldstadion ohnehin nur noch, wenn der DFB ab und an ein internationales Match hier austrägt. Dies kommt tatsächlich gelegentlich noch vor, zuletzt bei einem Juniorenländerspiel gegen Irland. Gegen den FC Fortuna Roth, den FV Mistelfeld oder den SC Jura Arnstein hingegen verlieren sich meist nur einige Dutzende Zaungäste in der engen Fußballarena.

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