Von der Rampe an den Zuckerhut

Jiri Pacourek spielt für Deutschland beim "Homeless World Cup"

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika ist seit zwei Monaten Geschichte, erst in vier Jahren werden die Stars wieder nach der Krone des Weltfußballs greifen - dann in Brasilien. Doch nicht erst 2014 treffen sich die Kicker aus aller Herren Länder, um den Ball hinterherzujagen, bereits am Sonntag beginnt in Rio de Janeiro der 8. "Homeless World Cup". Für die deutsche Nationalmannschaft der Wohnungslosen spielt mit Jiri Pacourek auch ein Nürnberger.

"Können Sie die Frage bitte noch einmal wiederholen?" - Jiri Pacourek musste noch einmal nachfragen, konnte er doch nicht so recht glauben, wonach er soeben gefragt wurde. Dabei waren es nicht etwa Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, die den gebürtigen Tschechen stutzen ließen, vielmehr konnte er es kaum fassen, dass er zu den acht Auserwählten gehören sollte, für die der große Traum Wirklichkeit werden sollte. Derjenige, der mit seiner Frage "fast einen Herzstillstand" bei Pacourek auslöste, war Stefan Huhn vom Hamburger Beschäftigungsträger KoALA. Huhn ist gleichzeitig Trainer der deutschen Auswahl der wohnungslosen Fußballer. Der "große Traum", das ist der "Homeless World Cup", bei dem alljährlich die besten Straßenfußballer der Welt in ihren Nationalteams an den Start gehen. Der Begriff "Straßenfußballer" hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung, spielen beim HWC doch ausschließlich wohnungslose Fußballer.

Für das deutsche Team war Trainer Huhn bei den Deutschen Meisterschaften der Wohnungslosen, die Ende Juli auf den Spielbudenplatz auf der Reeperbahn in Hamburg ausgetragen wurden, zum "Scouting", wie sich das Ausschauhalten nach talentierten Kickern neudeutsch nennt. Aus rund 150 Kickern sollte der Bundestrainer acht Spieler - es wird mit drei Feldspielern plus Torwart gespielt - auserwählen, die Deutschland bei der Weltmeisterschaft am Zuckerhut vertreten dürfen. Dass darunter auch ein Spieler aus der Noris vertreten sein würde, erschien doch recht überraschend. Denn bei den 5. Deutschen Meisterschaften war erstmals auch eine Nürnberger Mannschaften am Start. Die Truppe von Trainer Stefan Schwab hatte zwar jede Menge Spaß am Spiel, aber mit dem Ausgang des Turniers, das bereits zum dritten Mal die Vertretung aus Kiel gewann, nichts zu tun. Doch obwohl seine Mannschaft kein einziges Spiel gewinnen konnte, befand sich Jiri Pacourek später auf dem Notizblock von Nationaltrainer Huhn.

Das deutsche Team

Das deutsche Team für Rio, hintere Reihe (v.r.n.l.): Diego Keller (Gifhorn), Martin Wendt (Lörrach), Jiri Pacourek (Nürnberg), Stefan Huhn (Trainer, Hamburg).
Vordere Reihe (v.l.n.r.): Johannes Wendt (Kiel), Steven Duda (Bensheim), Patrick Bochmann (Leipzig), Savas Bayraktar (Saarbrücken).
Foto: Anstoß

Vor sechs Jahren kam der 29-jährige Pacourek aus Tschechien nach Deutschland. In Karlsbad spielte der passionierte Fußballer gar in der 3. tschechischen Liga. Persönliche Probleme führten zu einem sozialen Abstieg des zweifachen Vaters. Doch Pacourek hat das Kämpfen auf dem Fußballplatz gelernt und diese Tugend nun auch abseits des Platzes übertragen können. Gemeinnützige Einrichtungen wie "Hängematte e.V.", wo eine Notschlafstelle geboten werden konnte oder "Rampe e.V.", wo Pacourek arbeitet, halfen dem exzellenten Fußballer dabei wieder auf die Beine. In Nürnberg lebt Pacourek inzwischen in einer Wohngemeinschaft der Stadtmission.

So groß die Freude über die Nominierung für die Weltmeisterschaft in Rio de Janeiro auch war, galt es doch noch einige Problem zu lösen. Zwar werden die Kosten für die Reise zur Weltmeisterschaft der Nationalmannschaft, über "Anstoß!", der Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport, übernommen, doch schon an einer vernünftigen Ausrüstung für das Trainingslager, das die Auserwählten vom 3. bis 5. September im niedersächsischen Gifhorn abhielten, fehlte es. So fragte Katja Lang, Sozialpädagogin bei der Rampe e.V. (steht für: Realisierbarer Aufsprung mit Persönlichem Einsatz), bei ihrem Vater, Ralph Maier, seines Zeichens 1. Vorstand des Kreisligisten SC Worzeldorf, an und dieser sicherte spontan die Unterstützung durch den Verein zu.

Mit einem neuen Trainingsanzug der Worzeldorfer und einen Gutschein für Sportartikel unterstützte der Verein aus dem Nürnberger Süden den frisch nominierten Nationalspieler, der somit gut ausgerüstet in die Vorbereitung für das große Turnier gehen konnte. Das Trainingslager selbst verlief überaus erfolgreich und vielversprechend, wie Pacourek und Trainer Stefan Huhn gleichermaßen zu Protokoll gaben. Neben dem gegenseitigen Kennenlernen lag der Trainingsschwerpunkt in der Besonderheit der Spielregeln beim HWC. Zwar wurde auch in Hamburg schon mit Rundumbande und mit insgesamt vier Spielern pro Team gespielt, doch die bei der Weltmeisterschaft besondere Regel, dass von den drei Feldspielern immer nur zwei in der eigenen Hälfte verteidigen dürfen, musste noch intensiv geübt werden. "Inzwischen beherrschen die Jungs das aber im Schlaf", berichtet Coach Huhn. Überhaupt ist der Trainer mit der Zusammenstellung seines Teams auch nach dem Trainingslager in Gifhorn sehr zufrieden: "Zwischenmenschlich passt das ganz hervorragend und auch sportlich sind wir auf einem guten Weg. Alle Spieler sind topfit und engagiert bei der Sache."

Ralph Maier und Jiri Pacourek

Mit der notwendigen Ausrüstung griff der SC Worzeldorf und Vorstand Ralph Maier (l.) dem Nürnberger Nationalspieler unter die Arme.
Foto: Sporrer

Zurück in Nürnberg lässt Pacourek unmittelbar vor der Abreise zur Weltmeisterschaft die Eindrücke vom Trainingslager Revue passieren: "Dass war schon ein komisches Gefühl, als ich in Gifhorn mit der Frage 'Bist Du der Nationalspieler?' abgeholt wurde." Ein bisschen Angst habe er im Vorfeld gehabt, ob er konditionell mithalten könne. Doch die Bedenken waren schnell verflogen, als es auf den im Team selbst zusammengebauten Court ging: "Wenn man auf dem Platz ist und der Ball rollt, ist die Energie wieder da!", konnten Pacourek auch die Reisestrapazen wenig anhaben. Richtig erleichtert war der Nürnberger Vertreter besonders darüber, dass die Truppe auf und neben dem Platz so gut harmoniert. Nach dem Trainingslager hat Pacourek sich auf Ausdauereinheiten konzentriert und nur selten den Ball angefasst: "Bei meinem Glück verletze ich mich noch in letzter Minute." Nun freut er sich aber auf das große Abenteuer, bei dem der sportliche Erfolg der 64 teilnehmenden Nationen nur ein Aspekt von vielen ist.