"Die Lage ist bedenklich"
Geschrieben von: Marco Galuska Mittwoch, den 08. September 2010 um 02:11 Uhr
Uwe Neunsinger im Interview
Turbulent ging es in der vergangenen Woche in Fußball-Mittelfranken mit den Trainerentlassungen beim SC 04 Schwabach (Reiner Eisenberger) und SC Eltersdorf (Andreas Speer) zu. Einer, der das Geschäft seit Jahren bestens kennt und erst kürzlich selbst die Missstände bei der TSG Thannhausen leidvoll miterlebt hat, ist Uwe Neunsinger. Im fussballn.de-Interview spricht der 39-jährige Trainerfuchs über die Entwicklung und Lage des Amateurfußballs.
fussballn.de: Herr Neunsinger, drei der vier Abstiegsränge in der Landesliga Mitte werden aktuell (Stand: 7.9.10) von mittelfränkischen Vereinen belegt. Ihr langjähriger Klub, der Landesliga-Dino ASV Vach, kämpft in der Bezirksliga um den Wiederaufstieg, beim SC Eltersdorf und beim SC 04 Schwabach mussten in der vergangenen Woche die Trainer gehen. Wie sehen Sie die Lage in den Spitzenklassen des hiesigen Amateurfußballs?
Neunsinger: Es ist erschreckend. Das Niveau in den Ligen ist schon recht dünn geworden. Ich habe mir seit Saisonbeginn 35-40 Partien angeschaut - es waren auch Spiele dabei, bei denen ich zur Halbzeit wieder gefahren bin. Erlangen-Bruck, Seligenporten und auch Jahn Forchheim bei ihren Heimspielen vertreten die Region noch gut, aber ansonsten ist es schon recht übersichtlich geworden. Ich befürchte auch, dass zu den Landesliga-Absteigern wieder einige Mittelfranken gehören. Die Lage ist schon bedenklich.
fussballn.de: Woher kommt diese Abwärtsentwicklung?
Neunsinger: Da gibt es freilich mehrere Gründe. Das Geld wird an allen Ecken weniger, weil auch die Bindung zum Fußball - gerade im Stadtgebiet - fehlt. Es ist auch kaum verwunderlich, dass zudem die Zuschauerzahlen zu wünschen übrig lassen, wenn man vor dem Fernseher mit Fußball zugeschüttet wird. Auch die Einführung einer Totengräber-Klasse, wie es die Regionalliga ist, hat dem Fußball nicht gut getan. Freilich sind das alles Gründe, welche die Arbeit im Amateurfußball nicht gerade leichter machen. Dennoch kann man mit einem klaren Konzept im Rahmen seiner Möglichkeiten gut arbeiten. Dazu braucht es aber ein gemeinsames Arbeiten der sportlichen Leitung und der Vereinsführung. Richtig problematisch wird es aber, wenn Missmanagement in Vereinen zu sportlichen und wirtschaftlichen Problemen führen.
fussballn.de: ...so wie bei der TSG Thannhausen.
Neunsinger: Da muss man genau hinschauen. Es gibt Leute wie Graf von Schönborn (Anm. der Redaktion: Hauptgesellschafter der inzwischen insolventen TSG Thannhausen Fußball-GmbH), das sind Ehrenmänner, mit denen kann man vertrauensvoll zusammenarbeiten. Aber wenn daneben viel hinterm Rücken abläuft, braucht man sich nicht wundern, wenn der große Knall kommt. In Thannhausen kam eins zum anderen. Der Kader war schlecht zusammengestellt, dann wurden wirtschaftliche Todsünden begangen. Die Folge war der sportliche Abstieg und die wirtschaftliche Insolvenz, die als elegante Lösung gewählt wurde, um Verbindlichkeiten und laufende Verträge wegzukehren. So etwas ist auch ein Schlag ins Gesicht für solide arbeitende Vereine - Bad Kötzting ist z.B. das sportliche Risiko eingegangen und regulär abgestiegen. Ob sich der BFV mit den Insolvenzen, wie von Bamberg oder Thannhausen vorgetragen, einen Gefallen tut, möchte ich bezweifeln - hier werden Schulden einfach genullt und der Größenwahnsinn abgefedert.
fussballn.de: Ende April wurde Ihr Vertrag als Trainer in Thannhausen noch unabhängig der Spielklasse verlängert...
Neunsinger: ...und drei Wochen später meldet der Vertragspartner, die Fußball-GmbH, Insolvenz an. Die Planungen für die kommende Saison waren in allen Bereichen praktisch abgeschlossen, der Kader stand, auch die Kosten wurden entsprechend der Etatvorgaben deutlich reduziert und plötzlich tauchen Altlasten auf, von denen zuvor nie die Rede war. Dann stehen Spieler und Trainer da - unmittelbar vor Ende der Saison mit Verträgen, die das Papier nicht mehr wert sind.
fussballn.de: Was sind Ihre Lehren aus Thannhausen?
Neunsinger: Man muss sich das Umfeld, mit dem man arbeitet, genau anschauen. Von außen mag vieles gut erscheinen, doch wenn die Leute im Verein nicht an einem gemeinsamen Konzept arbeiten, gibt es früher oder später immer Probleme. Mit der Sportart Fußball habe ich nie ein Problem gehabt - nur mit manch handelnden Personen. Ich weiß auch, dass ich anstrengend bin. Wenn etwas nicht passt, dann spreche ich das klar an und vertrete meine Meinung. Ich will den Erfolg und dem ordne ich alles unter. Im Rahmen der Möglichkeiten muss man eben am Limit arbeiten, dazu ist auch
nicht zwangsläufig Geld notwendig, z.B. arbeitet die SG Quelle Fürth ja im
Jugendbereich seit Jahren sehr ordentlich. Wenn man in der höheren Amateurligen Deutschlands spielt, braucht man dann aber eben auch entsprechende Mitstreiter im Verein. Leute vom Kaliber eines Manfred Kreuzer (SC Feucht), Manfred Ritschel (früher SC 04 Schwabach) oder Peter Seidl (früher ASV Vach) sind eben vertrauensvolle Leute, die auf Funktionärsebene ebenso klare Ziele verfolgen. Leider gibt es von diesem Schlag immer weniger. Als Trainer lässt sich gut arbeiten, wenn es eine klare gemeinsame Marschrichtung gibt, dann kann man sich die Dinge auch offen ins Gesicht sagen. Privates und Sportliches sollte man dabei trennen können - schließlich geht es um den Verein.
fussballn.de: Stichwort ASV Vach. Wie sehen Sie den Werdegang der Vacher im Jahr 2010?
Neunsinger: An Vach hängt nach wie vor mein Herz, es war eine tolle Zeit dort. Der Abstieg aus der BOL war rückblickend ein Treppenwitz. Es hat aber immer wieder der Torerfolg gefehlt. Dazu ein Verletzungspech, das sich immer wieder auf die Offensive konzentrierte - dabei waren es schwere Verletzungen, die langfristige Ausfälle verursachten. Zudem kamen Unruhen im Verein auf - die Rechnung gab es am Ende der Saison. Dass Vach nun wieder oben dabei ist, überrascht mich nicht. Ich sehe unter normalen Umständen keine Mannschaft, die den ASV in der Bezirksliga stoppen kann. Es sei denn, Verletzungen reißen wieder Löcher in die Mannschaft.
fussballn.de: Wann wird der Trainer Neunsinger wieder im Geschäft sein?
Neunsinger: Es ist schon ungewohnt, wenn man die letzten 14, 15 Jahre immer seine Sommervorbereitung durchgezogen hat und auch die Planungen dementsprechend ausrichtet. Da die Insolvenz in Thannhausen reichlich spät bekanntgegeben wurde, war der Saisonauftakt erledigt. Um danach etwas Vernünftiges zu finden, müsste ich ja meinen Trainerkollegen alles Schlechte wünschen. Zudem gibt es einen Trend, Qualität auf der Trainerbank mit günstigeren, internen Lösungen zu ersetzen - nun ja, in den seltensten Fällen hat sich das bislang bewährt. Ich verfolge das Geschehen natürlich intensiv, kenne die Kader zwischen Bezirksliga und Bayernliga, ich bräuchte sicher keine sechs Wochen Eingewöhnungszeit, um mich zurechtzufinden. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
Fragen: Marco Galuska


