Kein Glück in der Fremde

SG-Stürmer Cem Hür im Portrait

Inzwischen zählt Cem Hür schon zu den routinierten Offensivspielern in Mittelfranken, seit einigen Jahren ist er wieder bei seinem Heimatverein SG Nürnberg 83 gelandet. Technisch versiert und immer noch mit einem Torriecher ausgestattet schnürt er für den Bezirksligisten die Fußballschuhe. Schon als junger Himmelsstürmer war die Regelsbacher Straße sein sportliches Zuhause, ehe die fußballerischen Wanderjahre begannen, die aber nur selten unter einem günstigen Stern standen. fussballn.de zeichnet im Portrait die Laufbahn des Vollblutfußballers nach.

Die Geschichte von Cem Hür beginnt am 11. Februar 1980 in Nürnberg. Mit einem Augenzwinkern erzählt Hür, dass er "in den Slums von Gostenhof" aufgewachsen sei, aber wer den (bald) zweifachen Familienvater kennt, weiß, dass er eine gute Erziehung genossen hat und in einer sehr soliden und sportlichen Familie (der jüngere Bruder selbst Fußballer, die ältere Schwester spielte bei der DJK Falke erfolgreich Basketball) groß wurde. "Ich wurde sehr europäisch erzogen, bin ganz sicher nicht der 'typische Türke', habe nie bei einem türkischen Verein gespielt, auch wenn ich überhaupt keine Probleme mit Türken habe", erklärt Hür und erzählt von seinem Vater Coskun, dem alteingesessenen Club-Fan, der noch heute die Spiele seiner Jungs, der vier Jahre jüngere Bruder Volkan spielt ebenfalls bei der SG 83, interessiert verfolgt. Cem besuchte die Preißler Schule in Nürnberg, machte seinen Quali, Lehre und schloss die mittlere Reife ab.

Cem Hür beim ESV West

Große Sprünge in der Jugend des ESV West: Cem Hür war "ein Ballkünstler mit Dickschädel, der aber für die Mannschaft besonders wertvoll war", erinnert sich sein langjähriger Trainer Michael Bischoff.
Foto: privat

Fußballerisch gibt er noch heute an der Regelsbacher Straße den Sturmführer im Bezirksliga-Team seiner SG 83. An gleicher Stelle fing dort einst seine Laufbahn an. Mitte der 1980er-Jahre hieß der Verein allerdings noch ESV West. Allzu detaillierte Erinnerung an die Anfangszeit hat der gelernte Mediengestalter verständlicherweise nicht mehr. Auf dem Kleinfeld lief es für den kleinen Cem gleich recht gut, sechs Tore gelangen ihm einmal in einer Partie. Seite an Seite spielte er äußerst erfolgreich mit Bastian Schachtner, der ebenfalls über Jahre hinaus Leistungsträger beim ESV West und später bei der SG 83 sein sollte. Schachtners Bruder Dirk betreute die Kleinen. Trainer in der E-Jugend war schon damals Michael Bischoff, der die Karriere von Cem Hür über viele Jahr begleitete und sich noch gut an die Anfänge des "kleinen Ballstreichlers", der den Umgang mit dem runden Leder besonders gut beherrschte, erinnern kann. Bei den D- und C-Junioren war Reiner Reim Trainer des torgefährlichen Mittelfeldspielers. Ein besonderes Highlight war dabei das Erreichen des Finalturniers im C-Jugend-Baupokal, als es gegen die großen Namen 1. FC Nürnberg (u.a. mit Timo Rost) und SpVgg Fürth ging.

C-Jugend

"Ein tolles Erlebnis": Bis zum Endturnier schaffte es Cem Hür (unten rechts) mit der C-Jugend des ESV West und Trainer Reiner Reim.
Foto: privat

Das Talent des ESV West blieb auch den großen Klubs nicht verborgen. Trotz der Leidenschaft seines Vaters für den Club, entschied sich Cem für die SpVgg Fürth, wo er unter Trainer Martin Hermann im Bayernliga-Kader der B-Junioren stand. "Ich wollte etwas Neues probieren, die Herausforderung annehmen. Es war sicher eine interessante Erfahrung, aber mir wurde dort auch das Gelbe vom Ei versprochen, war oft auf der Bank und wirklich wohl gefühlt habe ich mich irgendwie nicht. Es haben sich viele von außen zu sehr eingemischt, das war schade", erinnert sich Hür an seine Zeit beim Kleeblatt, von der er sich zunächst mehr erhofft hatte. Über diesen Umstand wusste auch Michael Bischoff bescheid und startete erfolgreich die Rückholaktion seines ehemaligen Schützlings zu den Western.

Taner Koc und Cem Hür

Schulkameraden und leidenschaftliche Fußballer beim Basketball: Taner Koc (links) und Cem Hür.
Foto: privat

Noch als B-Jugendlicher spielte Cem Hür in der A-Jugend des ESV West unter seinem "Förderer" Bischoff und erlebte dort grandiose Erfolge mit dem Durchmarsch von der Kreisklasse bis in die BOL. Die Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte mit dem Aufstieg in die Bayernliga erlebte Hür nur noch als Fan, denn pünktlich zur Fusion des ESV West mit dem FSV Gostenhof zur SG 83 kam der talentierte Jungspund in die Herrenmannschaft. Dennoch nahm ihn Trainer Bischoff zum Empfang der Bayernliga-Aufsteiger und Treffen mit Franz Beckenbauer mit - "ein feiner Zug", rechnet dies Hür seinem Ex-Trainer noch heute hoch an.

B-Jugend bei der SpVgg Fürth

So recht glücklich wurde Cem Hür (hinten 2.v.r) in der B-Jugend der SpVgg Fürth nicht, erinnert sich aber gerne an frühere Mitspieler wie Alex Blome (unten 2. v.r.) oder Jürgen Berber (oben 3.v.l) und viele andere mehr.
Foto: privat

Erfolgreich ging es aber für den Spieler Cem Hür bei der 1. Mannschaft der neuen SG 83 auf renoviertem Gelände an der Regelsbacher Straße weiter. Unter Trainer Norbert Hütter gelang im Jahr 2000 prompt die souveräne Kreisliga-Meisterschaft und der Aufstieg in die Bezirksliga. Nur knapp verpasste man im Folgejahr gar den Durchmarsch in die BOL, als man lange Zeit oben stand und dann "die Luft ausging". Beim SV 73 Süd unterlag man schließlich im Relegationsspiel dem TSV Wendelstein im Elfmeterschießen. "Über den legendären Elfer, den Steve Johannsen in die Hände des Torhüters chippte, lachen wir heute noch", erinnert sich Hür entspannt zurück, denn in der Folgesaison 2001/02 gelang dann der Aufstieg als souveräner Meister ins Bezirksoberhaus. Mittelfeldmann Hür war mit stolzen 25 Toren Torschützenkönig in einer starken Truppe, bei der Alex Pfarherr (in späteren Jahren erfolgreicher Stürmer u.a. beim ASV Fürth) im Tor stand und Petar Lucic, Tarik Toksöz (je 15 Tore) und Björn Werner (13) auf Torejagd gingen.

Jugendzeiten

Audienz beim Kaiser: Cem Hür durfte mit den U19-Bayernliga-Aufsteigern (links Mario Fisciano und Christian Ziegler, rechts Taner Bilgivar) Franz Beckenbauer treffen.
Foto: privat

Es folgten die Jahre der Wanderschaft für den lange Zeit so vereinstreuen 22-Jährigen. "Kurios ist es irgendwie schon, dass ich mit meinen Wechseln fast immer daneben lag", kann der seit zehn Jahren als Automobilverkäufer beim Jungwagenzentrum in Langwasser tätige Hür heute zurückblicken. 2002 lockte der FSV Bruck, der eigentlich schon mit einem Bein in der Landesliga war, den Aufstieg dann aber doch nicht packte. Hürs Zusage stand, und so musste er in der BOL gegen seinen Heimatverein antreten, der ausgerechnet ohne Leistungsträger Hür seine erfolgreichste Saison spielte und auf Rang zwei (drei Ränge vor Bruck) abschloss. Zum Relegationsspiel der SG 83 in Kareth-Lappersdorf fuhr der ehemalige Torjäger mit und drückte "seiner" Mannschaft vergeblich die Daumen.

2004 mit Christian Ziegler

So ändern sich die Haarschnitte: 2004 bejubelte Christian Ziegler Cem Hürs Treffer im Spiel gegen den SV 73 Süd.
Foto: Zink

Auch in der Saison 2003/04 spielte Hür in Bruck. "Wir hatten eine super Truppe mit Strobel, Lehneis, Wägner, Hassgall und Schock, aber irgendwann habe ich mich nicht mehr so recht wohlgefühlt. Im Nachhinein war es sicher ein Fehler, nicht auf die Zähne gebissen zu haben", sagt Hür heute und verweist auf den folgenden Landesliga-Aufstieg des FSV und die weitere Entwicklung in Bruck. So ging es für eine halbe Saison zurück zur SG 83, ehe er den Verlockungen des TSV Südwest Schwaben folgte. Die Südwester waren im Vorjahr Tabellenzweiter. Als Hür kam, landete man nach schlechtem Start am Ende zumindest noch auf Rang sechs - Trainerfuchs Ioan Pal sorgte für die Rettung. Die SG 83, diesmal wieder Gegner von Hür, wurde dagegen Dritter...

Cem Hür 2005 im SG Trikot gegen Forchheim

Auf Torejagd in der BOL: 2005 spielte Cem Hür (mitte) wieder bei der SG 83 und traf dabei auf seinen zukünftigen Klub Jahn Forchheim, wo ihn dann eine schwere Verletzung außer Gefecht setzte.
Foto: Zink

In der Saison 2006/07 folgte dann der Wechsel zu Jahn Forchheim in die Landesliga. "Ich war richtig gut drauf und dachte: Das wird mein Jahr! Aber eine schwere Ellenbogenverletzung in der Vorbereitung legte mich bis zum Winter lahm", konnte Hür nur wenige Spiele bestreiten und nach dem Winter den Abstieg auch nicht mehr verhindern. Die SG Quelle Fürth stieg 2007 mit in die BOL ab. Trainer Petr Skarabela und Manager Bernd Studtrucker waren von den Qualitäten des Flügelspielers überzeugt und wollten mit ihm und einigen regionalen Größen wie Turgay Karali, Emin Karademir, Alex Roth, Florian Brütting oder Okcan Tekdemir den Wiederaufstieg packen. Nach schwachem Start startete die Quelle aber so richtig durch und schaffte nach einer "Wahnsinnsaufholjagd" über die Relegation den von Hür so lang ersehnten Landesliga-Aufstieg.

Doch der Aufstieg bedeutete aus beruflichen Gründen Abschied und Vertragsauflösung bei der Quelle. "Die Landesliga ließ sich mit meinem Beruf im Verkauf nicht vereinbaren", erklärte Hür, was letztlich 2008 dazu führte, dass er erneut zu seinem Heimatverein zurückkehrte - und bis heute dort spielt. Wieder war es Michael Bischoff, mit dem er über die Rückkehr sprach. Ein Jahr spielte Hür noch unter seinem langjährigen Förderer, ehe dieser seine neue Herausforderung im Nachwuchsbereich des 1. FC Nürnberg annahm. 

Im Nachhinein als "Wahnsinn", bezeichnet der ehrgeizige Cem Hür die Namen wie etwa Akin Bölük und Necati Güler, die vor wenigen Jahren der SG 83 verloren gingen und woanders für Furore sorgten. Die BOL war von Hans Hendel und dann Steve Johannsen schließlich nicht mehr zu retten, 2010 ging es in die Bezirksliga zurück, von wo Hür einst als Torjäger auf BOL-Wanderschaft gegangen war. Die Saison 2010/11 in der Bezirksliga Süd stuft der inzwischen zum Routinier im Team gewordene Offensivmann als "sehr lehrreich" ein. So musste man in ungewohnter Umgebung am Ende doch eher um den Klassenerhalt bangen, als auf den Wiederaufstieg hoffen.

Cem Hür 2011

Ein lehrreiches Jahr gab es bei der Rückkehr in die Bezirksliga 2010/11 für Cem Hür (hier beim Torerfolg gegen Bad Windsheim).
Foto: fussballn.de

Dass die Truppe dabei einen gewissen Reifeprozess durchgemacht hat, sieht man im laufenden Spieljahr. Zum alten Eisen zählt Cem Hür auch unter Trainer Detlef Lorenz nicht. Zwar rückt der 32. Geburtstag und die Spielberechtigung für AH-Mannschaft immer näher, doch der Älteste ist mit aktuell acht Treffern mit Abstand auch der Erfolgreichste. "Ich habe immer noch richtig Bock auf Fußball, wenngleich ich natürlich erwachsener geworden bin und auch aus manchen Fehlern gelernt habe." So ist es auch kein Schlussfazit, wenn der Deutsche ("Ich habe einen deutschen Pass und war Zivi") mit türkischen Wurzeln an seine Karrierehighlights ("die Aufstiege mit der SG") denkt. Ob er nach seiner aktiven Zeit zum Trainer wird, darüber hat sich der sympathische Torjäger noch keine intensiven Gedanken gemacht, auch wenn er betont, dass er von seinen Trainern sehr viel gelernt habe und sich da eine interessante Mischung ergeben würde: "Ich weiß nicht, ob ich selbst der Typ dazu bin. Einen Spielertrainer werde ich ganz sicher nicht machen, davon halte ich nicht viel. Das vermischt zu viel. Da ist eine klare Trennung besser."

Vielmehr ist der Fußball weiterhin ein willkommener Ausgleich. Seit zweieinhalb Jahren ist Cem Hür, der Familienmensch, glücklich verheiratet mit seiner Melanie. Der zweijährige Sohn Elias erwartet in diesen Tagen ein Geschwisterchen. "Erst kommt die Familie, dann die Arbeit und dann der Fußball", erklärt Hür seine Prioritätenliste. "Ohne Fußball geht's nicht. Ich bin ein lebenslustiger Kerl, den aber auch schnell etwas nerven kann. Ich bin selbst sehr ehrgeizig und erwarte das gerade von den jungen Spielern auch", sagt er über sich selbst. Die Frage nach dem Karriereende oder einem Wechsel stellt sich für ihn aktuell nicht. Er ist eigentlich zufrieden, auch "wenn es immer Luft nach oben" gäbe. "Man soll nie nie sagen, aber einen plötzlichen Abschied im Streit oder aus einer Beleidigtheit heraus wird es für ihn bei der SG 83 definitiv nicht mehr geben. Ein komisches Gefühl gegen die SG zu spielen, war es jedenfalls in der Vergangenheit immer" - und wer weiß, ob er dann mit so einer Entscheidung glücklicher sein würde.