Ein Mann und zwei Welten
Geschrieben von: Michael Watzinger Mittwoch, den 19. Oktober 2011 um 10:06 Uhr
Italo-Schiedsrichter Stevie Albert im Portrait
Jung, intelligent, sympathisch, durchsetzungsstark und sehr zielstrebig - Stevie Albert, 26-jähriger Schiedsrichter aus Italien stammend, bringt viele Eigenschaften mit, um ein hervorragender Schiedsrichter zu sein. Nicht ohne Grund war der Römer in Italien landesweit im Einsatz und pfeift nun seit seinem studienbedingten Umzug nach Nürnberg in den höchsten Amateurklassen. fussballn.de portraitiert den charismatischen jungen Mann, der als einer der fähigsten Unparteiischen der Region gilt.
Seine Fußballstiefel hatte er nur kurze Zeit geschnürt: Stevie Albert, geboren am 13. März 1985 in Umbertide (Provinz Perugia, Italien), ist zwar wie fast jeder Italiener glühender Fußballfan, kickte jedoch selbst nur zwischen seinem 11. und 13. Lebensjahr in Rom für einen Fußballverein. Der junge Stevie zog bereits zwei Wochen nach seiner Geburt mit seinen Eltern nach Deutschland, der Heimat seines Vaters, und siedelte in Dossenheim (Nähe Heidelberg) an, ehe es knapp eineinhalb Jahre später zurück nach Italien ging. In Rom wuchs der sympathische Junge auf, ging auf eine deutsche Schule und machte sein Abitur. Wie es sich für einen Römer gehört, schlug und schlägt sein Fußball-Herz seit Kindesbeinen an für den ortsansässigen Klub - nicht für Lazio, der AS Rom steht in seiner Gunst ganz oben.
Bei aller Liebe zu diesem Sport fällt dem ehrgeizigen Jungen auf, dass ihm das ganz große Talent fehlte. Schnell interessierte er sich dann allerdings für das Schiedsrichterwesen – anders als in Deutschland dürfen die Unparteiischen in Italien erst mit 15-16 Jahren Kurse belegen. Stevie, der vielfältig sportbegeistert ist, probierte allerhand andere Sportarten aus, versuchte sich unter anderem als Wasserballspieler, im Judo, im Schwimmen oder beim Basketball, ehe ihn das Interesse am Fußball schließlich 2004 als 19-Jähriger endgültig zum Schiedsrichterwesen im italienischen Verband brachte. Anders als in Deutschland, wo die Unparteiischen für Vereine pfeifen, sind die Referees in Italien direkt für den Verband aktiv.

Auch zu Beginn schon alles im Blick: der damals 19-jährige Albert in seinem ersten Spiel (Ostiense Calcio gegen Maccabi Haifa, Endstand: 4:0) als Unparteiischer.
Foto: privat
Über Alessandro Di Costanzo, ebenfalls Schiedsrichter und Bezugsperson für Albert, entdeckte er als junger Erwachsener die vielen positiven Aspekte der unparteiischen Spielleitung: „Ich habe schnell gemerkt, dass mir die Rolle des Schiedsrichters hervorragend liegt. Ich liebe den Fußball, ich bringe Eigenschaften wie Objektivität, Diplomatie und Gerechtigkeitssinn mit – für die Rolle des Unparteiischen wohl nicht unerheblich. Und außerdem durfte ich als Schiedsrichter immer umsonst ins Stadion zu den Spielen meines AS Rom“, erzählt der eloquente junge Mann mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen.
Dass die Beschreibung und die Fähigkeiten als Schiedsrichter ins Auge stechen, wird schnell klar. Der junge Stevie Albert engagiert sich über das normale Maß des Pfeifens hinaus, wird Mitarbeiter bei der Schiedsrichtergruppe, übernimmt Einteilungen und Büro-Arbeiten und vieles mehr – und wird für sein Engagement schnell belohnt, steigt innerhalb des Verbandes in die Regelabteilung, den sogenannten „Settore Tecnico“ auf und ist fortan für Änderungen innerhalb des Schiedsrichtersystems mitverantwortlich. Neben einer Aufwandsentschädigung und Spesen kommt er nun auch zu Aufgaben, die einem Fußballfan das Herz höher schlagen lassen: Neben der zweimaligen Betreuung der italienischen Damen-Nationalmannschaft bekommt Albert im Rahmen des Champions League-Finals 2009 in Rom die Chance im „Event und Services“ mitzuarbeiten und rund um das Großereignis verschiedene Organisations- und Koordinationstätigkeiten auszuführen. „Das war schon ein einmaliges Erlebnis für mich. Die ganzen bekannten Weltstars des Fußballs hautnah zu erleben, sich mit ihnen zu unterhalten, das ist ein unbeschreiblich tolles Gefühl“, gerät der sonst eher zurückhaltend wirkende Albert förmlich ins Schwärmen.
Sein Engagement für den Verband - auch abseits des grünen Feldes -
brachte Albert einige tolle Momente. So auch die Teilnahme am
offiziellen Gala-Abend auf der Terrasse des Römer Kapitols vor dem
Champions League-Finale 2009 in Rom. Hier posiert der junge
Schiedsrichter (2. v.l.) mit einigen Arbeitskollegen der UEFA und des
italienischen Verbandes vor der Champions League Trophäe.
Foto: privat
In dieser Zeit sammelte der junge Italiener viele Erfahrungen, lernte loyal und diskret zu sein und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl an verschiedene Aufgaben heranzugehen. Dass ihn das alles weiter voran bringen würde, wurde schnell deutlich: in seiner Schiedsrichtergruppe „Roma I“ stieg er schnell auf, ehe eine wichtige Entscheidung für Albert anstand: „In Italien erfolgt letztlich eine Trennung zwischen Schiedsrichtern und Assistenten. Das heißt, jeder Unparteiische muss für sich entscheiden, ob er an der Linie winken, oder auf dem Feld pfeifen möchte. Dementsprechend wird man dann auch gefördert.“ Albert entschied sich für die Pfeife, nicht für die Fahne.
Sympathisch, aber doch bestimmt: Schiedsrichter Stevie Albert verdeutlicht seine Meinung.
Foto: privat
Im Oktober 2006 pfiff er dann die Partie zwischen Frosinonen 2000 und Sora Calcio 1907, vergleichbar mit der deutschen Bezirksoberliga, und wurde von einem Schiedsrichterbeobachter der Leistungsklasse für tauglich befunden, der Aufstieg sollte beginnen – und steil weiter gehen. 2007 bekam Stevie Albert dann gar die Auszeichnung für den besten Unparteiischen auf Landesliga-Ebene – eine große Ehre für den damals 22-jährigen Mann. Der Förderkader der Schiedsrichter brachte den ehrgeizigen Albert weiter voran. „Anders als in Deutschland finden in Italien die Lehrgänge deutlich regelmäßiger statt, man trainiert wöchentlich zusammen, der italienische Verband ist da richtig hinterher. Auf diese Weise entsteht aber ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl und das Training bringt einen weiter voran“, erörtert Albert. In einem Sonderlehrgang stieg Stevie Albert dann erneut auf – diesmal auf Landesebene.
Die weiteren persönlichen Meilensteine seiner Schiedsrichter-Laufbahn kann Albert noch exakt aufzählen: "Am 27. April 2008 war mein erstes Spiel in der Eccellenza Lazio - vergleichbar mit der Bayernliga. Am 25. Mai 2009 durfte ich das Entscheidungsspiel für den Meister zwischen US Latina und Pomezia Calcio leiten und stieg im Juli 2009 in die 5. Liga, zugleich Bundesebene, auf. Hier war ich nicht mehr nur in meinem Bundesland im Einsatz, sondern in ganz Italien. Im Juli 2010 folgte der Aufstieg in die 4. Liga (vergleichbar hier mit der Regionalliga). Ich hätte in dieser Leistungsklasse gepfiffen, aber durch meinen Wechsel nach Deutschland kam es nicht zustande. Mein letztes Spiel in Italien war zwischen den AS Rom II und Fidene Calcio am 26. August 2010.
Nachdem Stevie Albert in Rom sein Studium der Politik- und Sozialwissenschaften erfolgreich mit Bachelor abgeschlossen hatte, verspürte der vielseitig interessierte Italiener das Bedürfnis nach einem Aufbaustudium und entschied sich für Deutschland. „Ich wollte mein Leben selbst in die Hand nehmen und selbstbestimmt handeln. Von Bayern hatte ich aus der Vergangenheit sehr gute Eindrücke und allzu weit ist es auch nicht nach Italien“, blickt Albert zurück. So landete Stevie also in Nürnberg, wo er schon im Vorfeld in Schiedsrichter-Institution Gerd Lamatsch schnell einen äußerst hilfsbereiten Mann an seiner Seite fand: „Gerd hat mir hier vieles wahnsinnig erleichtert, mir unheimlich geholfen - dafür bin ich ihm sehr dankbar!“ Bereits vor seiner Abreise aus Italien kümmerte sich Lamatsch per Mail-Kontakt um den jungen Italiener und sorgte dafür, dass der Eingewöhnungsprozess nicht allzu lange dauern sollte, wenngleich Albert unumwunden zugibt, "dass ich die Herzlichkeit und Offenheit der Italiener, speziell aber meiner Verwandten und Freunde anfangs schon vermisst habe. Doch man gewöhnt sich daran und inzwischen fühle ich mich sehr wohl". Und zwar so wohl, dass sich der 26-jährige vorstellen kann auch nach Beendigung seines Studiums weiter in Deutschland zu leben.
Neben den deutlich kühleren Temperaturen musste sich Albert vor allem erst an das Gefühl gewöhnen im "genauen Deutschland" zu pfeifen (hier vor der Bayernliga-Begegnung zwischen Ismaning und Würzburg). "Eigene Fehler fallen hier schwerer ins Gewicht, da weniger versucht wird, den Schiedsrichter zu täuschen", sagt Albert.
Foto: privat
Stevie Albert pfeift nun also in Deutschland. Von der Bezirksoberliga über Landesliga bis hin zur Bayernliga ist er im Einsatz. Kann man die beiden Länder aus Sicht der Schiedsrichter miteinander vergleichen? Albert wirkt nachdenklich: „In Italien wird viel mehr gestikuliert und diskutiert – das ist körperlich eine ganz andere Anstrengung. Für mich persönlich war es aber vor allem mit dem Fakt, dass Deutsche sehr genau sind, anfangs etwas schwierig umzugehen. Man denkt mehr über eigene Fehler nach. Ich habe das Gefühl, dass das Ansehen der Unparteiischen bei Fehlentscheidungen in Deutschland viel schneller leidet. Man kann es vielleicht so sagen: Dadurch, dass in Italien viele versuchen, einen Vorteil herauszuschlagen, ist man mit Fehlern der Unparteiischen nachsichtiger, weil bei der Vielzahl schon mal Fehler passieren können. In Deutschland erwartet man mehr von den Unparteiischen. Das fiel mir anfangs wirklich schwer!“, analysiert Stevie Albert in beeindruckend nüchterner Art und Weise. Nun allerdings genießt er, „dass die Zuschauer viel näher am Spiel sind als in meiner Heimat“ und auch den „meist sehr respektvollen Umgang“ auf deutschen Plätzen „hier könnten sich einige in Italien ein Beispiel nehmen“, lobt der Unparteiische, der nun beide Schiedsrichter-Nationen kennt. In Erinnerung blieb Albert hier ein Spiel auf Sizilien, wo ihm nach dem Spiel gar mit Mord gedroht wurde. Positive Erinnerungen hat Albert hingegen an ein Spiel des AS Rom II gegen Fidene, das er im August 2010 leiten durfte. „Das war für mich als Römer natürlich etwas ganz besonderes! Das habe ich wirklich in vollen Zügen genossen.“
Stolz auf ihren Stevie sind sie auch innerhalb der Familie. Seine Mutter Teresa und seine zwei Jahre jüngere Schwester Dada Aishe sind die größten Fans und unterstützen Stevie Albert schon immer, wo sie nur konnten: „Sie sind meine größten Fans und haben mir geholfen, wo immer es ging. Sie unterstützen mich dabei mein Hobby und Beruf zu verwirklichen – das werde ich ihnen niemals vergessen!“
Stevie Albert wurde von Verbandschef Sandro Capri als bester Schiedsrichter auf Landesebene ausgezeichnet - ein Beleg für die hervorragenden Leistungen des jungen Italieners, auf die auch die Familie des Römers mächtig stolz ist.
Foto: privat
Und dass Stevie Albert, der in seiner Schiedsrichter-Karriere schon einiges erlebt und erreicht hat, noch immer Träume hat wird deutlich, wenn man ihn auf die Zukunft anspricht: „Ich würde mir natürlich wünschen einmal erste Liga zu pfeifen – auch wenn ich weiß, dass ich mittlerweile fast zu alt dafür bin. Aber darüber mach ich mir keine Gedanken, was das angeht: ‚Step by step’ und dann werden wir sehen, wohin mich mein Weg noch führt“, geht es der Italo-Referee nicht zu verbissen an. Wenn er das sagt, blitzt die Begeisterung in seinen Augen. Man merkt, dass Stevie Albert damals die richtige Entscheidung getroffen hat: seine Freude ist es nicht, dem runden Leder selbst hinterherzujagen – vielmehr ist es für ihn eine Freude, für Ordnung und Gerechtigkeit auf dem Feld zu sorgen und das gelingt ihm ausgesprochen gut, wie Italiener und Deutsche gleichermaßen bestätigen können.
Seine berufliche Zukunft sieht der Student, der an der Nürnberger WiSo Fakultät im 3. Semester des Masterstudiengangs "Arbeitsmarkt und Personal" ist, auch später in Deutschland. "Ich würde gerne in Deutschland bleiben, hier Wurzeln schlagen. Aus beruflicher Sicht strebe ich einen Job in einer Personalabteilung von größeren Firmen im Bereich Training/Beratung/Personalentwicklung an. Auch im Vertrieb oder in der PR Abteilung von internationalen Unternehmen könnte ich meine deutsch-italienischen Sprachkenntnissen wohl am besten nutzen", weiß Albert, der seine Leidenschaft für den Sport in einem latenten Wunsch, für einen Sportverband zu arbeiten, ausdrückt. Die Referenzen auf und neben dem Platz sind sicherlich nicht die Schlechtesten.




