Schiedsrichter aus Leidenschaft
Geschrieben von: Marco Galuska Mittwoch, den 22. Juli 2009 um 10:16 Uhr
Gerd Lamatsch im Portrait
Ein „Dauerbrenner“ auf den Sportplätzen in der Metropolregion Nürnberg, im Bezirk und auch in ganz Bayern ist der aktive Schiedsrichter und Beobachter Gerd Lamatsch. Der fast 50-jährige ist nach wie vor Wochenende für Wochenende im Einsatz und vertritt dabei die Farben seines Heimatvereins TB Johannis 88. Mit seinen fast 1500 Spielen kann er auf zahlreiche Erfahrungswerte bis in den bezahlten Fußball zurückgreifen. fussballn.de portraitiert den langjährigen Nürnberger Spitzenschiedsrichter.
Als Jugendlicher kickte Lamatsch beim Turnerbund Johannis. Des Öfteren war er als Spielführer der damaligen B-Junioren der „88er“ verärgert über die Leistungen der Unparteiischen, welche die Nachwuchskicker mitunter geboten bekamen. Sein damaliger Jugendtrainer Herbert Dröse ermunterte ihn daraufhin, einfach mal selbst einen Schiedsrichterkurs zu belegen und dadurch die Schwierigkeiten einer Spielleitung am eigenen Leib zu erfahren.
So absolvierte Lamatsch 1976, im Alter von 16, als jüngster Teilnehmer eines Neulingskurses in Bayern die SR-Prüfung und wurde ab sofort bei Juniorenspielen eingesetzt. „Schon nach den ersten zwei Spielen hat es bei mir geschnackelt und ich wusste, dass ich hier erfolgreich sein könnte und mir die Schiedsrichterei auch noch Spaß macht“, erinnert sich der Key Account Manager eines technischen Dienstleisters an seine ersten Erfahrungen an der Pfeife.
Und mit der Leidenschaft kam auch der Erfolg. Relativ schnell empfahl sich der junge, talentierte Referee für höhere Spielklassen. Dass ein Schiedsrichter schon im Alter von 20 Jahren in der damaligen Bezirksliga Spiele leitete, war ein absolutes Novum. Es folgte der Aufstieg in die Landesliga im Jahr 1982. Anschließend pfiff er acht Jahre lang in der Landesliga und musste sogar auch einmal den bitteren Weg des Abstiegs in die neu gegründete Bezirksoberliga erleben. Der sofortige Wiederaufstieg zeigte letztlich, dass Kampfgeist und kontinuierliche Leistung auch bei den Schiedsrichtern ein wichtiges Erfolgsmerkmal sind.
Abpfiff in der Bayernliga für den "Mann in Schwarz": Mit der Partie Hof gegen Memmingen beendete Lamatsch 2004 freiwillig seine Laufbahn in den Leistungsklassen.
Foto: privat
Den Höhepunkt seiner aktiven Laufbahn erlebte Gerd Lamatsch zwischen 1990 (damals mit 30 Jahren noch einer der jüngsten Kollegen – der heutige Altersdurchschnitt liegt bei ca. 24 Jahren) und 1998. Er war drei Jahre als Schiedsrichter in der neuen Regionalliga sowie drei Jahre als Linienrichter in der 2. Bundesliga tätig und kam dabei in ganz Deutschland zu Einsätzen und tollen Erlebnissen. Von Freiburg bis Berlin, von Burghausen bis Meppen oder von Zwickau bis Saarbrücken – er hat fast alle Zweitligavereine kennen gelernt. Unvergessen bleibt Lamatsch dabei sein erstes DFB-Spiel an der Linie. Im August 1991 assistierte er Manfred Amerell bei der Begegnung zwischen Rot-Weiß Erfurt und dem FC Schalke 04 (mit Aleksandar Ristic, Ingo Anderbrügge, Jens Lehmann oder dem legendären Charly Neumann). „26.000 Zuschauer – ausverkauft! Es war einfach der Hammer!“, gerät Lamatsch auch nach Jahren noch ins Schwärmen. Besonders spannend war damals in den Jahren nach der Wiedervereinigung, dass auch der ostdeutsche Fußball integriert wurde. So waren Spiele in Leipzig, Erfurt, Jena und Dresden auch für die Unparteiischen etwas ganz Besonderes und Neues.
Nachdem es bis Ende der 90er Jahre seitens des DFB eine starke Tendenz zur Verjüngung der Schiedsrichter in den Profiligen gab und der Nürnberger mit fast 40 schon ein „alter Haudegen“ war, pfiff er dann noch bis zum 44. Lebensjahr in der Bayernliga und kam dort mit über 130 Spielen und 15 Jahren in den begehrten „Hunderterclub“, dem nur wenige Referees in Bayern angehören. Im Jahre 2004 trat Lamatsch freiwillig als damals ältester und dienstältester Schiedsrichter aus den Leistungsklassen zurück und machte für einige junge Talente den Weg frei.
Im Mai 2002 wurde Gerd Lamatsch vom damaligen Bezirksschiedsrichterobmann und heutigen Bezirksvorsitzenden Uwe Kunstmann für sein 100. Bayernliga-Spiel geehrt.
Foto: privat
„Im Prinzip könnte ich locker ein spannendes Buch über meine Erlebnisse und Einsätze mit vielen Anekdoten schreiben!“, sprudelt es aus dem allseits geschätzten Referee heraus. Ob er diese Erfahrungen tatsächlich zu Papier bringen wird, ist noch offen: „Wenn ich einmal Zeit finde – warum eigentlich nicht?“ Aber die Zeit ist als Familienvater natürlich kostbar und knapp. „Eigentlich bin ich jetzt zum Leidwesen meiner Familie noch häufiger unterwegs als früher – im Schnitt zwei Einsätze pro Wochenende – aber ich bin mit Leib und Seele dabei und möchte noch viele Jahre aktiv sein!“, muss Ehefrau Ingrid aufgrund der Fußball-Leidenschaft ihres Mannes weiter nachsichtig sein. Denn: „solange die Gesundheit mitspielt und die Leistung stimmt“, möchte Lamatsch weiter aktiv pfeifen.
Und dass die Leistung auch „im Alter“ noch möglich ist, davon ist Lamatsch nicht nur überzeugt, er stellt es auch nach wie vor als aktiver Kreisliga-Referee unter Beweis. Außerdem bildet er dabei junge Assistenten aus und ist beim BFV Beobachter für die Bayernliga, beim DFB Coach für die Damen- und Juniorenbundesliga. Seine Erfahrungen kann er somit jede Woche einbringen und weitergeben. Den jungen Schiedsrichtern möchte er mit auf den Weg geben, dass kontinuierliche Verbesserungs- und Lernprozesse und Kritikfähigkeit notwendig sind, die Schiedsrichterei und der Fußball zwar liebenswert, aber nicht alles im Leben sind. Mittlerweile spielt auch seine 14-jährige Tochter Julia aktiv beim TB Johannis 88 und auch da ist der stolze Papa selbstverständlich dabei.
Stolz ist Lamatsch auch auf Deniz Aytekin, der seit mehr als 30 Jahren mal wieder einen Erstliga-Schiedsrichter in Nürnberg repräsentiert. Aytekin war als ganz junges Nachwuchstalent mehrere Jahre bei Lamatsch in der Bayernliga an der Linie. „Ich traue Deniz zu, dass er sich auch international noch durchsetzen wird, denn er hat dafür alle Voraussetzungen – ich halte ihm jedenfalls bei jedem Spiel die Daumen und wünsche ihm alles Gute für die Zukunft“, freut sich der Familienvater über die steile Laufbahn des einstigen Weggefährten.
Wer in Zukunft spezielle Regel- oder Schiedsrichterfragen loswerden will, hat in Kürze die Möglichkeit, dies interaktiv über fussballn.de an Gerd Lamatsch und seine Schiedsrichterkollegen zu richten.



