Comeback nach einem Vierteljahrhundert!
Geschrieben von: Marco Galuska Mittwoch, den 24. November 2010 um 15:05 Uhr
Die ungewöhnliche Fußball-Karriere des Klaus Eichinger
Die Fußballschuhe hatte manch Kicker schon an den Nagel gehängt, um dann früher oder später doch wieder auszuhelfen, wenn Personalnot im Verein herrscht. Doch dass ein Fußballer nach über einem Vierteljahrhundert "Pause" wieder im Dress auf dem Platz steht, klingt ungewöhnlich. Die Tatsache, dass die Rückkehr auf den Fußballplatz nicht etwa bei einer Seniorenmannschaft stattfindet, sondern regelmäßig in einer 1. Herren-Mannschaft, macht Klaus Eichinger womöglich zu einem Fall für das Guinness-Buch. fussballn.de hat sich mit dem 55-jährigen Abwehrchef des SV Reichelsdorf über seine ungewöhnliche Fußball-Karriere unterhalten.
"Sag mal, wie alt bist Du denn?" - diese Frage hört Klaus Eichinger nach eigenem Bekunden nahezu jede Woche. Gefragt wird er dabei immer wieder von Schiedsrichtern oder Gegenspielern, die sich anerkennend beim Libero des SV Reichelsdorf Nürnberg über dessen Alter erkundigen. Kein Wunder, könnte der 55-jährige doch problemlos der Vater, oder gar Opa, der Spieler oder Unparteiischen sein, die mit dem immer noch fitten "Fußball-Oldie" gemeinsam auf dem Fußballplatz stehen, wenn es in der A-Klasse 9 Nürnberg/Frankenhöhe wieder um wichtige Punkte geht.
Um sich die reichlich ungewöhnliche Geschichte von Klaus Eichinger besser vorstellen zu können, sollte man auf der Zeitachse seines Lebens einige Ereignisse der (fußballerischen) Zeitgeschichte vor Augen führen. Am 29. Juli 1955 kommt Klaus Eichinger in Fürth zur Welt, rund ein Jahr nachdem der DFB-Elf um Fritz Walter das Wunder von Bern gelang. Als die Familie Eichinger dann nach Burgfarrnbach umzieht, geht Klaus gerade einmal zur Schule - in Berlin teilt der Mauerbau in jenem August 1961 die Stadt in Ost und West. Schulkameraden waren es damals, die ihn zum Fußball brachten und bald trug er das Trikot des TSV 1898 Burgfarrnbach - das seinerzeit, als die Bundesliga eingeführt wurde, freilich in Farbe und Schnitt wenig mit dem modernen Dress spätere Jahre gemein haben sollte. Erst im Jahr 1973, rund zehn Jahre später, wurden die Sportlertextilien durch den Jägermeister-Hirsch auf dem Trikot von Eintracht Braunschweig auch erstmalig für Sponsoren und Vereine gleichermaßen attraktiv. Am Moosweg (auf der Burgfarrnbacher Tulpe wurde erst nach der späteren Fusion gekickt) fühlte sich Eichinger wohl, durchlief alle Jugendmannschaften. Zunächst spielte er als "Halbstürmer" und füllte dann die Position des Liberos aus - Diskussionen um das Wembley-Tor bei der WM 1966 in England oder den Bundesliga-Skandal der Saison 1970/71 gab es auch bei den Jugendlichen in Burgfarrnbach, die leidenschaftlich den Ball hinterher jagten. "Ich habe selten ein Training versäumt und immer gespielt", erinnert sich Eichinger gerne an seine Zeit bei seinem Stammverein.

Klaus Eichinger: Mit 55 Jahren noch mitten im Geschehen der A-Klasse (hier im Spiel gegen den TSV Johannis 83 II).
Foto: fussballn.de
Anfang der 1970er-Jahre - die DFB-Elf war amtierende Europa- und Weltmeister - kam der junge Verteidiger erstmalig bei den Erwachsenen zum Einsatz. Nur ein Spiel machte er bei der Reserve, ehe ihn der Trainer gleich im Anschluss zur 1. Mannschaft beförderte. Eichinger war eine feste Größe in der Defensive, wurde Spielführer und spielte u.a. mit dem heutigen Abteilungsleiter des TSV 1895 Burgfarrnbach, Ludwig Rupprecht, zusammen in einer Mannschaft. Nach Jahren im oberen Mittelfeld der B-Klasse (heutige Kreisklasse) gelang in der Saison 1979/80 der ersehnte Aufstieg. Mit 51:5-Punkten distanzierte der TSV Burgfarrnbach damals den Zweiten, TSV Mühlhof, um zehn Zähler und blieb "während der kompletten Saison ungeschlagen", wie Eichinger stolz berichtet. Zwei Jahre später folgte der Abstieg und es kam letztmalig in der Saison 1982/83 zum Derby zwischen dem TSV 1898 Burgfarrnbach und TV 1895 Burgfarrnbach. Beide Vereine fusionierten 1983 zum heutigen Bezirksliga-Klub TSV 1895 Burgfarrnbach.
Doch Anfang der 1980er-Jahre war nicht nur für Franz Beckenbauer Zeit zum Aufhören, auch Klaus Eichinger hatte vom Fußball allmählich genug. "Irgendwie war ich gesättigt. Zudem bin ich mit meiner Frau nach Wolkersdorf umgezogen und habe mich mit meiner Heizöl-Firma selbständig gemacht", begründet der Defensivmann seinen Rückzug als aktiver Fußballer, obwohl er noch keine 30 Jahre alt war. Bei einem Urlaub in Österreich fand er aber schnell die Leidenschaft für den Ball wieder, jedoch war dieser wesentlich kleiner und wurde mit einem Schläger bewegt. Es war aber nicht der Tennis-Boom, der durch den Wimbledon-Sieg von Boris Becker erst Jahre später nach Deutschland schwappen sollte, sondern der Golfsport, der es Eichinger angetan hatte. Noch ehe Bernhard Langer mit seinem Sieg des US Masters (1985) Berühmtheit erlangen sollte, fand der "früh pensionierte" Fußballer Gefallen am Golf - eine Leidenschaft, die bis zum heutigen Tag anhält.
Vielleicht war das Golfspiel auch der Grund dafür, dass Eichinger über zwanzig Jahre lang den Fußball im Amateurbereich gar nicht mehr verfolgt hatte. "Ich habe vieles ausprobiert, Felsenklettern, Bergsteigen, aber Golf habe ich immer gerne gespielt. Zum Fußball habe ich eigentlich keine Bindung mehr gehabt. Selten war ich mal im Stadion bei der SpVgg Fürth oder beim Club", wirkt Eichinger heute selbst etwas verblüfft, wenn er an seine "Fußball-Abstinenz" denkt und dabei feststellt, dass er den Sportplatz all die Jahre nicht vermisste und nach eigenem Bekunden auch "keine Ahnung mehr hatte, welcher Verein in welchen Klassen spielte."

Respektsperson, Motivator und verlängerter Arm von Trainer Gussner: Klaus Eichinger ist für den SV Reichelsdorf "auf seine alten Tage" noch Gold wert.
Foto: fussballn.de
So gab es eine Spielerrevolte am Valznerweiher, explodierte der Kernreaktor in Tschernobyl, durfte Deutschland erstmals eine Fußball-EM austragen, fiel die Berliner Mauer, wurde Deutschland erneut Welt- und Europameister, wurde die Gelb-Rote Karte und Rückpassregel ebenso eingeführt wie die Schienbeinschonerpflicht oder das Drei-Punkte-System. Beispielsweise startete und beendete Andreas Köpke in der Zwischenzeit seine Fußballlaufbahn im Tor des 1. FC Nürnberg. Der Anschlag des 11. September hielt die Welt in Atem und der Euro wurde eingeführt - all das und so vieles mehr ereignete sich und Klaus Eichinger hatte kein Verlangen, gegen das runde Leder zu treten. Doch sportlich war Eichinger nach wie vor. Und vor rund fünf Jahren nahmen ihn ein paar Kumpel dann mit in die Halle zum Fußball - rund 40 Jahre nachdem er einst Freunden vom Schulhof zum TSV Burgfarrnbach folgte. "Wir haben uns jeden Mittwochabend in der Halle im Sportpark in Rednitzhembach getroffen, das hat richtig Spaß gemacht und ging zum Teil recht intensiv zur Sache", berichtet Eichinger von seiner Rückkehr zum Fußball, bei der er aber nicht im Geringsten an eine Rückkehr in einen Fußballverein gedacht hatte.
Die Hallen-Kicker spielten rund ein Jahr zusammen, da regte ein Spieler an, doch mal ein Freundschaftsspiel gegen die Alt Herren-Mannschaft des SV Reichelsdorf zu machen. Und im Jahr 2006 war es dann soweit. Das Freundschaftsspiel zwischen der Reichelsdorfer AH und den Hallen-Kickern konnte über die Bühne gehen - es war das erste Mal, dass Klaus Eichinger seit Anfang der 1980er-Jahre wieder auf Großfeld spielte. Da die Reichelsdorfer Senioren aber ihrerseits arge Personalsorgen plagten, wurden die Gegner des Freundschaftsspiels gleich im Anschluss heftig "umworben". "Irgendwann kam Werner Wittig, der Betreuer unserer AH, mit Passanträgen für fast 60-jährige", erinnert sich Roderick Richter, Fußball-Abteilungsleiter beim SVR, schmunzelnd an die Neuerwerbungen des Vereins zurück. "Ich habe mich am Anfang dagegen gewehrt, aber irgendwann haben sie mich dann doch so weit gekriegt, dass ich einen Passantrag unterschrieben habe. Das Bild dafür wurde mit dem Handy gemacht, meinen Spielerpass darf man eigentlich keinem zeigen", lacht Eichinger über die Anfänge seiner zweiten Fußballer-Laufbahn, die eigentlich auf die AH-Mannschaft beschränkt bleiben sollte.

"Den Spielerpass darf man eigentlich keinem zeigen!" - mit einer Handykamera wurde in einer Nacht und Nebelaktion das Bild auf Klaus Eichingers Spielerpass angefertigt.
Foto: fussballn.de
Doch einige Unruhen bei den Herrenmannschaften führten dazu, dass dort akuter Spielermangel herrschte und Spieler der AH, die nur Freundschaftsspiele austrug, wie Klaus Eichinger gefragt wurden, ob sie nicht aushelfen könnten, damit überhaupt eine Mannschaft gestellt werden konnte. So lief Eichinger im Auswärtsspiel beim TV Jahn Schweinau Nürnberg im November 2008 in der 1. Mannschaft auf und feierte nach einem Vierteljahrhundert im Alter von 53 Jahren sein Comeback in der BFV-Punktspielrunde. Es kam die Winterpause und dem neu installierten Abteilungsleiter Roderick Richter gelang es, Spieler nach Reichelsdorf zu lotsen, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten - Eichinger musste vorerst nicht mehr aushelfen und spielte fortan wieder bei den Senioren. In die Saison 2009/10 startete der SV Reichelsdorf recht erfolgreich, doch gab es mannschaftsinterne Unruhen, die dazu führten, dass man sich im Winter dazu entschied, einen klaren Schnitt zu machen, was abermals zu einem sehr dünnen Mannschaftskader führte.
Trainer Rudi Gussner fragte bei Eichinger an und dieser sagte zu. Allerdings nur unter der Bedingung, dass er auch regelmäßig mittrainieren würde. "Wenn ich was mache, dann richtig. Das Training hat mir immer Spaß gemacht und war mir bei der AH auch zu wenig. Denn ganz ehrlich, da wird doch nur ein bisschen gekickt und nicht richtig trainiert", erklärt der Oldie, der sich nicht etwa durch Extra-Jogging-Einheiten fit hält, sondern seine erstaunliche Fitness seiner Grundkonstitution und Einstellung zuschreibt: "Ich hatte schon immer das Glück, dass ich nichts an Gewicht zunehme und kann auch ganz gut den inneren Schweinehund überwinden."
Nicht mehr wegzudenken: Klaus Eichinger (l.) unterstützt als Stellvertreter Abteilungsleiter Roderick Richter.
Foto: fussballn.de
Das Ziel der Rückrunde 2009/10, die Mannschaft nicht abmelden zu müssen, wurde geschafft und die Runde als Vorletzter abgeschlossen. Doch Eichinger hatte Blut geleckt und zog sich in der laufenden Saison nicht etwa zurück. Als stellvertretender Abteilungsleiter und Libero hat er nun maßgeblichen Anteil daran, dass der SVR inzwischen zu den Topteams der A-Klasse 9 gehört. "Der 3. Platz ist für uns nahezu sensationell", erklärt Abteilungsleiter Richter, der den Erfolg in adäquaten Verstärkungen und einer intakten Truppe begründet sieht. "Es bewegt sich wieder etwas bei uns. Zuschauer kommen wieder und zahlen ihren Eintritt gerne. Wir haben in der Vergangenheit viel Kredit verspielt, den man sich erst wieder verdienen muss", weiß Richter.
Und Eichinger ist inzwischen aus dem Fußball-Gerüst der Reichelsdorfer nicht mehr wegzudenken. Wie lange er noch selbst spielen wird, darüber hat sich der "verlängerte Arm des Trainers" keine konkreten Gedanken gemacht. "So lange ich der Mannschaft helfen kann und es Spaß macht, bin ich gerne dabei, habe aber auch keine Probleme, mich auf die Bank zu setzen und die Jungen ranzulassen", sieht der 55-jährige seine zweite Fußball-Laufbahn noch nicht als beendet an und lässt sich auch von Rückschlägen wie einer schmerzhaften Rippenprellung, als ihm neulich ein Gegenspieler "ins Kreuz" gesprungen ist, nicht abschrecken. "Rückblickend hat sich die lange Auszeit für mich wohl erfrischend ausgewirkt und jetzt möchte ich, in welcher Funktion auch immer, auf alle Fälle dabei bleiben und dem Verein helfen!"




