Die Liebe zum Detail...und zum Verein
Geschrieben von: Michael Watzinger Mittwoch, den 01. September 2010 um 15:03 Uhr
Flügelrads Urgestein Andreas Gerstmann im Portrait
Weit über 600 Spiele bestritt Andreas Gerstmann für seinen ESV Flügelrad, Höhen und Tiefen erlebte er mit seinen „Rädern“. Vielen Leuten würde da die eine oder andere Kleinigkeit in solch einer langen Zeitspanne entfallen – nicht so dem langjährigen Spielgestalter und brandgefährlichen Distanzschützen aus früheren Tagen. Mit absoluter Akribie und Detailverliebtheit führte der Fußballnarr und heutige Spielleiter des ESV Statistik über fast jede seiner absolvierten Partien. Auch als Jugendbetreuer zeigte er großes Engagement. fussballn.de portraitiert den Mann, der durch Liebe zum Detail auffiel und es noch heute tut.
Andreas Gerstmann, am 29. September 1967 in Nürnberg geboren, trat bereits im Alter von acht Jahren dem ESV Flügelrad bei. „Mein Vater war Eisenbahner, insofern war diese Wahl des Vereins für mich natürlich naheliegend. Außerdem kickte ich dort mit vielen Kindern aus meiner Nachbarschaft zusammen“, blickt Gerstmann auf seine Anfänge zurück. Die Juniorenzeit des Technikers verlief weitestgehend unspektakulär. Einzig ein Aufstieg in der C-Jugend 1982 sollte eine Ausnahme darstellen. Ebenso der 1:0-Erfolg des ESV über den 1. FC Nürnberg mit dem damaligen Junioren- und späteren Bundesligaspieler Marc Oechler, woran sich Gerstmann noch heute gerne zurückerinnert. Obwohl Gerstmann im Laufe der Zeit immer weiter auf dem Feld nach vorne rückte, begann doch seine Spielerlaufbahn in der Abwehr. Warum? „Ganz einfach: ich hatte schon damals einen ziemlich guten Schuss und war der einzige, der auch aus der Distanz den Ball aufs Tor brachte“, muss der heute 42-jährige schmunzeln. Bis 1986 durchlief er sämtliche Juniorenstufen seines Vereins. Obwohl durchaus talentiert stellte sich die Frage eines Wechsels für den ballgewandten Gerstmann nicht. „Ein Großteil meiner Freunde spielte in der Jugend mit mir zusammen. Auch die Aussicht mit meinen beiden Brüdern später zusammenzuspielen reizte mich. Natürlich denkt man auch mal darüber nach – was wäre wenn – aber diese Gedanken verflogen aufgrund der tollen Kameradschaft innerhalb meiner Mannschaft immer recht schnell wieder“, erläutert der Mittelfeldmann.
Die Abschlussfahrten und viele weitere Aktivitäten sorgten bei den "Rädern" für einen tollen Zusammenhalt - für Gerstmann (3. oben links) einer der Gründe für seine Liebe zum ESV.
Foto: privat
Obwohl er noch bis 1986 in der Jugend kickte, wurde er seitens des Vereins bereits 1985, also noch als A-Jugendlicher für die Senioren freigemacht. „Dort spielte ich in der Rückrunde als offensiver Mittelfeldspieler. Die Kreisklasse war für mich schon eine Umstellung, anfangs tat ich mich als Mann hinter den Spitzen doch recht schwer“, blickt Gerstmann selbstkritisch zurück. Und auch seine zweite Saison bei den Erwachsenen sollte eine schwierige werden: Nach holpriger Vorbereitung verletzte sich der Mittelfeldmann schwer, brach sich das Handgelenk und fiel so monatelang aus. Erst in der Rückrunde fasste der Techniker dann Fuß und arbeitete sich an die Stammelf des 30-Mann-Kaders heran.
Wie schon während Gerstmanns Juniorenjahren erwies sich der ESV Flügelrad lange Zeit als stabile Mannschaft mit gelegentlichen Ausschlägen nach oben oder unten. Ein ebensolcher Ausschlag, allerdings in negativer Richtung sollte die Saison 1995/96 darstellen. Zum Ende der Hinrunde hatte der ESV gar zehn Punkte Rückstand auf das rettende Ufer. Damals traute kaum noch jemand den „Rädern“ den Klassenerhalt zu. Und doch, gerade hier bewies Flügelrad seine große Stärke: der große Zusammenhalt. Dank einer furiosen Rückrunde beendete man die Saison auf Rang 6 – fernab aller Abstiegssorgen. „Auch wenn vielleicht die ganz großen Meisterschaften damals nicht an unser Team vergeben wurden. Unter gewissen Umständen sind auch solche Leistungen aller Ehren wert“, bilanziert Gerstmann, der mit seinen Distanzschüssen und Vorlagen einen nicht unerheblichen Anteil an der Leistungssteigerung in der Rückserie hatte. „Auch wenn wir damals eine junge Mannschaft waren – im Abstiegskampf haben alte Haudegen wie mein Bruder Alfred oder auch Thomas Holz dazu beigetragen, dass der Karren aus dem Dreck gezogen wurde", erinnert sich Gerstmann an zurückliegende Jahre.
Der Schnauzer ist längst ab, die Fußballschuhe noch immer nicht. Andreas Gerstmann wurde 2001 für über 600 Spiele in der 1. Mannschaft des ESV Flügelrad geehrt.
Foto: privat
Und auch in der Saison darauf sorgte das Abstiegsgespenst für Angst und Schrecken bei den „Rädern“. Erst durch ein 3:3-Remis, eingefahren am letzten Spieltag durch ein Hackentor in der 94. Minute, und einer gleichzeitigen Niederlage Falkes gegen die DJK Eibach konnte der ESV sich im letzten Moment an Falke vorbei schieben und so die Rettung feiern. 2002 beendete Andreas Gerstmann nach über 600 Spielen für seinen Herzensverein die aktive Laufbahn – vorerst. Denn Gerstmann konnte es nicht lassen: „Es juckte einfach immer noch zu sehr. So entschied ich mich dazu dem ESV Flügelrad als Stand-by-Spieler in Notsituationen weiter zur Verfügung zu stehen.“ Und diese sollten noch oft folgen.
Gerstmann blättert in seinem schlauen Buch nach, in dem er nahezu jedes seiner Spiele mit Aufstellungen und Torschützen festhielt und bilanziert mit einem Lächeln: „Zwischen sieben und 20 Spiele habe ich seitdem trotzdem in jedem Jahr gemacht.“ So kamen noch einmal ca. 100 Partien für Flügelrad hinzu. Gerstmann - der Detailverliebte, Fußballverrückte. Keine Kleinigkeit entging dem akribischen Menschen, der viele seiner Spiele noch in Bildern vor sich hat und auch sonst über einige Anekdoten auf den Sportplätzen der Region zu berichten weiß.
Auch das Trainingslager in der Türkei mit dem ESV zählte zu den
Highlights für Gerstmann. Dort trafen Andreas (l.) und Bruder Roland
Gerstmann (r.) abseits des eigenen Trainings den einen oder anderen
Bundesliga-Kicker.
Foto: privat
Kurioserweise sollte es dem fleißigen Statistiker dann doch vergönnt sein, einen Aufstieg mit seinem ESV zu feiern. In der Saison 2002/2003 sollte gleich in seinem ersten Jahr als „Teilaktiver“ der Aufstieg in die Kreisliga gelingen. „Irgendwie ist das schon komisch. Man versucht es die ganze Zeit und wenn man dann eigentlich seine Schuhe schon an den Nagel gehängt hat, dann klappt es“ muss Gerstmann selbst lachen.
So durfte der Stand-by-Mann auch in der Kreisliga ran. Drei Jahre hielt man sich in der Liga, ehe in der Saison 2004/2005 der Abstieg in die Kreisklasse folgte. "Eine meiner schwärzesten Stunden. Nach dem 0:3 gegen Stadeln war damals der Abstieg besiegelt. Mein erster Abstieg – da ist es egal, ob man alle Saisonspiele gemacht hat, oder eben nur ein paar", berichtet der in Langwasser wohnende Postbeamte.
Es passt zum freundlichen und sehr sympathischen Andreas Gerstmann, dass dies nicht das Ende bedeutete. Er half auch in den kommenden Jahren, in denen der ESV viele wichtige Akteure verlor, weiterhin immer wieder aus, gab sein Bestes und sorgte dafür, dass seine „Räder“ nicht noch tiefer absackten.
Gerstmann gab auch als "Stand-by-Spieler für seinen ESV alles. 2008 verlor Flügelrad zwar gegen DJK Eibach (in gelb) gegen Weinberg konnte dann jedoch der Aufstieg gefeiert werden.
Foto: Zink
2008 folgte dann der verdiente Lohn: Flügelrad stieg wieder in die Kreisliga auf. Im Entscheidungsspiel um den Einzug in die Relegation rang der ESV den ASV Buchenbühl in der Verlängerung mit 3:2 nieder und konnte dann in den Aufstiegsspielen nach einer 0:3-Niederlage gegen die DJK Eibach im zweiten Anlauf gegen Weinberg die Rückkehr in die höchste Spielklasse auf Kreisebene bejubeln. „Das war eine tolle Sache. Niemand hatte mit dem Aufstieg gerechnet, umso glücklicher waren wir dann, als es tatsächlich klappte!“
Seitdem hält sich der ESV in dieser Liga. Zwar spielte man bisher stets gegen den Abstieg, doch auch mit der Hilfe der eigentlichen Altherren-Spieler wie Andreas Gerstmann und Bruder Roland konnte dieser bisher verhindert werden. Und noch immer ist der fußballbegeisterte 42-jährige nicht müde: „Wenn mich der Trainer brauchen würde, könnte ich nicht „Nein“ sagen. Aber wir sind dieses Jahr ganz gut aufgestellt, deshalb spiele ich wohl etwas in der Reserve mit“, freut sich das ESV-Urgestein auch darüber, dass der Saisonstart am Finkenbrunn deutlich besser als in den Vorjahren verlief.
Denn auch so hat und hatte der zurückhaltend wirkende Gerstmann immer etwas zu tun. Momentan füllt er die Rolle des Spielleiters bei Flügelrad aus. Früher hatte er lange Jahre Juniorenmannschaften beim ESV betreut. „Das“, berichtet Gerstmann voller Stolz „hat mir immer Spaß gemacht. Ich hatte nicht immer einfache Juniorenmannschaften, aber mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, das gab mir wirklich viel.“ Voller Elan und Leidenschaft versuchte er den Schützlingen das Fußballspielen nahezubringen, was meistens gut funktionierte. Der Teamgedanke war Gerstmann dabei ganz besonders wichtig. Ab 1989 betreute er Junioren-Teams angefangen bei den B-Junioren, später pendelte er zwischen D- und C-Juniorenteams.
Andreas Gerstmann (r.) und seine D-Junioren feierten 1992 die Meisterschaft und schafften es als "Mannschaft der Woche" in das Kicker-Sportmagazin.
Foto: privat
Seinen größten Erfolg als Jugendtrainer hatte er mit seiner damaligen D-Jugend, als er den Aufstieg in die Kreisliga feiern durfte und mit ihr als „Mannschaft der Woche“ im Kicker Sportmagazin erschien. Nebenbei wurde der vierte Platz in der Hallenkreismeisterschaft eingefahren. Insgesamt 14 Jahre führte er die Jungspunde des Vereins und hatte dabei einige gute Fußballer in seinen Reihen – auch an diese Zeit hat Gerstmann noch immer viele Erinnerungen, viele Details im Kopf.
Mit Sicherheit werden noch einige Episoden und Erinnerungen hinzukommen. Wenn auch nicht unbedingt als aktiver Spieler, dann aber zumindest als Spielleiter, Betreuer, guter Geist oder ESV-Fan, denn eines ist bei Andreas Gerstmann noch größer als die Liebe zum Detail und zu Statistiken: die Liebe zum ESV Flügelrad.




