Ein echter Evergreen
Geschrieben von: Michael Watzinger Mittwoch, den 14. Juli 2010 um 12:45 Uhr
Großhabersdorf Trainer Norbert Glintschert im Portrait
In Sachen Kondition macht Norbert Glintschert so schnell niemand etwas vor. Das war schon immer so. Er, der bis letztes Jahr noch als Spielertrainer beim SV Großhabersdorf fungierte und als Libero für Ordnung in den eigenen Reihen sorgte, zeigt so manchem Jungspund wo es lang geht. Oder in seiner Zeit bei der SpVgg Fürth, wo er im zarten Fußballeralter von 32 Jahren hinwechselte und acht Jahre für Stabilisation der Defensive sorgte. Ohne wenn und aber: die Laufbahn von Norbert Glintschert ist eine ungewöhnliche. Grund genug den Trainer des SV Großhabersdorf zu portraitieren.
Norbert Glintschert, am 23. Dezember 1955 in Weinzierlein geboren, begann im Alter von sechs Jahren mit dem Fußballspielen beim heimischen ASV, wo er bis zu seinem 17. Lebensjahr mit seinen Jugendfreunden kickte. Dann jedoch entschied sich der junge Offensivmann für einen Wechsel zum ASV Zirndorf, bei dem sein Vater in der Landesliga spielte und wo auch die Jugendteams in höheren Sphären antraten. Der eher schmächtige Glintschert merkte jedoch in diesem einen Jahr schnell, dass die körperlichen Voraussetzungen für derartigen Fußball noch nicht gegeben waren und so ging er nach nur einer Spielzeit zurück nach Wintersdorf, wo er noch einmal vier Jahre beim ASV Weinzierlein zubrachte. Während dieser Zeit konnte sich der junge „Glintsch“, wie er von vielen Leuten gerufen wird, weiterentwickeln und mit seinen Freunden zumindest den Aufstieg in die B-Klasse feiern.
Auf Dauer sollte es dann jedoch ein bisschen mehr für den äußerst ehrgeizigen Mann sein, der zwar in einem Probetraining bei der SpVgg Fürth nicht restlos überzeugen konnte, dann jedoch den Schritt in die Landesliga zum ASV Herzogenaurach wagte. „Der Sprung von der B-Klasse zu einem Landesligisten war natürlich enorm. Ich hatte jedoch das Glück, dass der Trainer des ASV auf junge Spieler setzte, so fand ich meinen Platz in der Startelf – zwar defensiver als ich es bis dato gewohnt war, aber was solls“, blickt Glintschert zurück. Das Kapitel Herzogenaurach endete für Norbert Glintschert mit einem riesigen Schock: „Wir waren Herbstmeister, als unser Trainer Vollard sagte: ‚Jungs, nicht mehr lange und ihr müsst ohne mich auskommen, ich werde nicht mehr lange leben’. Er hatte Leukämie. Das war ein wahnsinnig harter Schlag.“ Glintschert schätzte an ihm besonders seine Motivationsfähigkeiten und auch sein Fachwissen, ohne dabei die menschliche Seite zu vernachlässigen. Am Ende stand ein zweiter Platz und damit nicht der erhoffte Aufstieg.
Als Kapitän kickte Norbert Glintschert in den 1980er Jahren beim TSV Südwest in der Landesliga und erlebte dort ein tolle Zeit.
Foto: Privat
Ein Probetraining bei Eintracht Frankfurt platzte im letzten Moment, im Rückblick für Glintschert „vielleicht das große Sprungbrett für höheres“. So wechselte Glintsch 1980 zum TSV Südwest in die Landesliga, wo er eine „neue sportliche Heimat“ fand und insgesamt neun Jahre aktiv war. „Es war einfach eine tolle Kameradschaft, tolle Charaktere, die alle an einem Strang gezogen haben.“ Einem Abstieg stand der sofortige Wiederaufstieg gegenüber. Sieben Jahre trug Glintsch die Kapitänsbinde bei den Südwestern und war somit eine Art Galionsfigur des TSV. Mit 32 Jahren verlängerte er noch einmal seinen Kontrakt – dann jedoch kam die SpVgg Fürth auf ihn zu. Trainer Paul Hesselbach wollte den Routinier unbedingt verpflichten. „Ganz am Anfang meiner Laufbahn war ich nicht gut genug – im zarten Alter von nunmehr 32 Jahren wollen sie mich unbedingt. Ich fand das sehr amüsant“, muss der gelernte Qualitätstechniker noch heute schmunzeln.
So wechselte Glintschert in der Saison 1988/89 nach reiflicher Überlegungszeit zur Spielvereinigung. „Der sportliche Reiz und die Herausforderung waren einfach enorm. Ich wollte es einfach wissen. Und Fürth auch, nichts weniger als der Aufstieg in die Bayernliga war das Ziel.“ Doch es kam anders. Glintschert brach sich im Laufe der Saison zweimal die Kniescheibe, fiel somit fast die ganze Saison aus. Der Aufstieg wurde als Tabellenzweiter knapp verpasst, Hesselbach musste gehen. Nachfolger Gerling gab Glintschert die nötige Zeit für die Reha-Maßnahmen. Gedanken ans Aufhören? „Natürlich denkt man sich dann in diesem Alter, ob es noch Sinn macht. Aber ich bin ein Kämpfer, von Sternzeichen Steinbock – so wollte ich nicht abtreten. Ich wollte meinen Teil zum Ganzen bei der SpVgg noch beitragen“, erinnert sich Glintschert an die schweren Momente seiner Laufbahn. Und er trug zum Erfolg bei: im dritten Jahr schaffte die SpVgg Fürth den Aufstieg in die Bayernliga, Glintschert übernahm einmal mehr Führungsaufgaben, war in seinen sieben Jahren in Fürth zwei Jahre lang Spielführer und hatte so einen nicht unerheblichen Anteil am Fürther Höhenflug.
Im reifen Fußballeralter wechselte Glintschert zur SpVgg Fürth und absolvierte in sieben Jahren 170 Spiele für das Kleeblatt.
Foto: Privat
Zwei Ereignisse aus Fürther Tagen haben sich besonders eingebrannt. „Zum einen unser Freitagabendspiel bei 1860 München. Vor 18.000 Zuschauern zu spielen, das war schon ein Gänsehautgefühl. So etwas vergisst man nicht! Das zweite ist das Pokalspiel gegen Borussia Dortmund aus der Saison 90/91. Nach zwei Minuten nahm mir Flemming Povlsen den Ball ab, mein Mitspieler David Schneider opferte sich und zog die Notbremse. In Unterzahl bezwangen wir dann den haushohen Favoriten mit 3:1 – und das völlig verdient! Das war ein Spiel, Wahnsinn“, platzt es auch heute noch aus "Glintsch" heraus. 1993/94 wurde dann die Regionalliga eingeführt. Eigentlich hatte Norbert Glintschert bereits seinen Abschied von der SpVgg Fürth im Kopf. Doch durch die neue Herausforderung – Regionalliga – konnte und wollte er nicht nein sagen und dehnte sein Engagement bei den Fürthern noch um ein weiteres Jahr aus. Fragen, ob der mittlerweile 39-jährige keine Angst hatte, irgendwann nicht mehr mithalten zu können, tut er ab: „Ach nein. Ich habe schon immer nebenbei sehr viele Läufe gemacht, war immer sehr fit. Und als Libero habe ich zu dieser Zeit viel mit meiner Erfahrung wettmachen können. Das hat schon gepasst.“
1995 war dann aber Schluss bei den Fürthern. „Sie hätten zwar noch einmal um ein weiteres Jahr mit mir verlängern wollen, aber irgendwann war es dann schon auch mal gut“, grinst Glintsch. So zog er weiter zum SV Seligenporten, wo er fortan als Spielertrainer fungierte. Sein Freund Carlo Wild holte ihn zu den Klosterern und prompt gelang der Aufstieg in die Bezirksoberliga. Die Umstellung von Spieler zu Spielertrainer fiel dem erfahrenen Mann nicht wirklich schwer. „Ich war schon immer jemand, der eine Mischung aus Disziplin und Spaß für vorteilhaft empfand. Genau das habe ich auch von Anfang an als Trainer versucht zu erzeugen.“ Nach zweieinhalb Jahren war dann Schluss bei Seligenporten, Glintschert zog weiter zum TSV Neustadt/Aisch in die Landesliga. Er übernahm zwei Wochen vor Saisonende, konnte den drohenden Abstieg in dieser kurzen Zeit jedoch nicht mehr verhindern. So machte man sich an den Neuanfang, der gleich im direkten Wiederaufstieg mündete. Doch auch hier war nach zweieinhalb Spielzeiten das Ende der Fahnenstange erreicht. „Wir hatten kaum Verstärkungen, so dass ich teilweise mit 46 Jahren Libero spielen musste. Einmal in den Abstiegsstrudel hineingezogen, war es eine schwere Situation“, schildert der Routinier das damalige Szenario.
Beim SV Großhabersdorf möchte Glintschert fortan "nur" noch von außen die Kommandos geben und mit dem SVG die Klasse halten.
Foto: fussballn.de
Es folgten drei Spielzeiten beim TV Dietenhofen, mit dem er im dritten Jahr den Aufstieg in die Kreisliga schaffte. Anschließend gönnte sich Glintschert dann eine Pause. Doch was heißt „gönnte“?! „Bereits nach kürzester Zeit merkte ich, dass es wieder juckt – kein Wunder, wenn man den Rhythmus von Training und Spiel gewohnt ist. Auch Waldläufe können das auf Dauer nicht ersetzen, obwohl ich die gerne mache.“
So nahm Norbert Glintschert das Angebot des TSV Langenzenn an. „Direkt vor der Haustüre“ zu trainieren hatte viele Vorteile. So ließ sich der Coach auch vom Abstieg in der zweiten Saison nicht abschrecken, sondern half mit, im darauffolgenden Jahr die Scharte wieder auszuwetzen. „Dort habe ich gelernt, dass man als Trainer nicht immer Forderungen stellen kann. Man muss auch in der Lage sein, aus wenig Maximales herauszuholen“, berichtet Glintschert der Trainerfuchs über damalige Erfahrungen.
Seit 2008 leitet Norbert Glinschert nun das Training beim SV Großhabersdorf. Nachdem man im ersten Jahr noch in der Relegation knapp am Aufstieg scheiterte, gelang im zweiten Jahr der große Wurf mit Meisterschaft und Aufstieg in die Kreisklasse. Nun gilt es, die Klasse zu halten. Dass er dabei Abstriche machen muss, ist ihm bewusst: „Man muss auch mal ein Auge zudrücken können. Es soll ja in erster Linie Spaß machen – obwohl man natürlich auch sagen muss, dass Fußball nur dann richtig Spaß macht, wenn man auch gewinnt.“ Und diese Motivation und Disziplin lebt Norbert Glintschert seinen Teams vor. Egal ob auf dem grünen Rasen oder bei Waldläufen – Glintsch marschiert vorne weg, gibt die Richtung vor. Trotz mittlerweile fast 55 Jahren ist er immer noch frisch und fit: „Die Gruppe und die Jungs halten einen einfach auf Trab. Man bleibt einfach in Bewegung und jung.“ Zweifelsohne, Norbert Glintschert ist ein echter Evergreen.



