Die nimmermüde Allzweckwaffe des SV Laufamholz
Geschrieben von: Michael Watzinger Mittwoch, den 17. Juni 2009 um 10:17 Uhr
Der Laufamholzer Torwart(-trainer) Karlheinz Filip im Portrait
Mit 52 Jahren gehört der heutige Torwarttrainer und Stand-by Torhüter der Ersten und Zweiten Mannschaft des Kreisklassisten SV Laufamholz längst noch nicht zum alten Eisen. Mit fussballn.de blickt Karlheinz Filip auf seine bewegte Vergangenheit zurück und gibt dabei tiefe Einblicke. Der Torhüter, der sich mittlerweile den Ruf des Elfmeterkillers erarbeitet hat, gilt trotz seines Alters im Verein als absolut zuverlässiger Schlussmann, der, wann immer benötigt, zur Verfügung steht und dabei stets überzeugende Leistungen zeigt.
Der am 1. Februar 1957 in Allersberg geborene Karlheinz Filip, verließ Deutschland bereits im Alter von vier Jahren mit seiner Familie und zog in die Heimat des Vaters nach Pribor (Tschechien), 30 Kilometer südlich von Ostrava/Ostrau. Das Familienoberhaupt allerdings verließ die Familie früh, so dass die Mutter den damals 11-jährigen Karlheinz und seine drei Geschwister alleine versorgen musste. Keine einfache Situation, galt die Familie doch in Tschechien als deutsch, was dazu beitrug, dass ihr kaum Unterstützung, sondern viel mehr Argwohn und Skepsis widerfuhr – gerade nach dem Einzug des kommunistischen Russlands in die Tschechoslowakei 1968. „Während dieser Zeit hatten viele Familien Angst, sich öffentlich zu uns zu bekennen. Abends haben wir aber von Nachbarn ab und an Kleidung und andere Hilfe erhalten“, beschreibt Filip die prekäre Lage seiner Familie zur damaligen Zeit. Auch eine Ausbildungsstelle zu bekommen war für Karlheinz Filip in seiner frühen Jugend zunächst nicht möglich, so konnte er seiner Mutter finanziell keine Unterstützung anbieten.
Der Wendepunkt dieser bedrohlichen Situation wiederfuhr dem heute 52-jährigen in Form des Fußballs, der ihm erstmals Türen öffnen konnte. Im Alter von neun Jahren mit dem Kicken angefangen, schaffte er es bereits mit 14 in die Regionalauswahl Mährens. „Erst ab diesem Moment habe ich mich dann entschieden, als Torhüter meinen Weg zu gehen“, erinnert sich Filip, der bis dahin auch immer wieder als Feldspieler aktiv war. Das Prinzip in der Auswahlmannschaft war so einfach, wie klar. Vier Torhüter bewarben sich um den Posten zwischen den Pfosten, nur der Stärkste setzte sich durch. Filip gelang es, sich bis zu seinem 16. Lebensjahr zu behaupten. „Mit dem 16. Geburtstag bekam ich meinen Personalausweis. Laut diesem Ausweis war ich Deutscher. Das war das Ende meiner Auswahl-Karriere, ich wurde nicht weiter berufen“, erörtert der Torhüter. Und dennoch, diese Erfahrungen halfen ihm auf seinem weiteren Weg erheblich.
Karlheinz Filip 1980 im Einsatz für Studenka gegen Novy Jicin
Foto: Nalina
Seine Auftritte in der Jugendauswahl blieben nicht unbeachtet und so wechselte er in die benachbarte 15.000-Einwohner-Stadt Studenka, wo er bereits mit 16 Jahren in der Ersten Mannschaft auflief. Der Verein war es auch, der ihm eine Lehre als Maurer verschaffte und finanzierte. In Studenka verbrachte er viele Jahre und spielte dort auf hohem Niveau. Als Halbprofi in der vierten tschechoslowakischen Liga galt es, viele andere Interessen zurückzustellen. Das viermal wöchentliche Training forderte vom Torhüter Filip, dessen zweite sportliche Liebe, das Eishockey, aufzugeben. Zu groß wäre die Verletzungsgefahr und so beschloss der damals 19-jährige, seine Schlittschuhe zum Wohle des Fußballs an den Nagel zu hängen.
Ein neues Kapitel im Leben des Karlheinz Filip stellte, wie für so viele andere Menschen auch, des "Eisernen Vorhangs" dar. Er ermöglichte es dem damals 34 Jahre alten Filip 1991 nach Deutschland zurückzukehren. Gemeinsam mit einem Teil seiner Familie zog es ihn in die fränkische Heimat.
1992 fand der immer noch ehrgeizige Torhüter im SV Laufamholz die geeignete sportliche Lösung und verlor seitdem sein Herz an den Verein. Karlheinz Filip entwickelte sich für die Blau-Weißen zu einem wahren Glücksgriff, einer absoluten Allzweckwaffe. Mittlerweile in der Alt Herren Mannschaft angekommen, ist Filip neben seiner Tätigkeit als Platzwart auch als Torwarttrainer aktiv. Dort feilt er mit den Keepern der Ersten und Zweiten Mannschaft des SVL an vielen Dingen, insbesondere das Herauslaufen bei Flanken ist dem ambitionierten Coach stellenweise ein Dorn im Auge. „Das, und die Abschläge bei den Torhütern lassen in den unteren Klassen stark zu wünschen übrig. Wir haben damals in Studenka stundenlang immer wieder genaue Abschläge in Form von Drop-Kicks geübt. Heute beherrscht kaum noch ein Torhüter diese Technik.“ Er hingegen besitzt diese Fähigkeiten, auch deshalb ist er ist für den SV Laufamholz noch immer unverzichtbar. Gerade als Stand-by Torhüter bewies der Routinier immer wieder seine Klasse. Oftmals kam es vor, dass er bei Torhütermangel auch im fortgeschrittenen Torwartalter noch in der Zweiten, in der Ersten – und im Ernstfall auch durchaus in beiden Mannschaften seinen Mann stand. „An manchen Wochenenden spielte ich samstags für meine Alten Herren, sonntags dann zuerst in der Zweiten Mannschaft, ehe ich mich schnell umzog, um anschließend bei der Ersten wieder zwischen den Pfosten zu stehen“, blickt Filip amüsiert zurück.
Langjähriger Traum: Karlheinz Filip gemeinsam im Trikot des SVL mit Sohn Marek
Foto: privat
Durch seine Einsätze bei der Vollmannschaft erfüllte sich der 52-jährige einen großen Traum. Zusammen mit seinem Sohn Marek, der ebenfalls seit Jahren das SVL-Trikot trägt, zu spielen, war und ist für den „Oldie“ etwas ganz Besonderes. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ist Filip, der sowohl großer Fan, als auch Kritiker des eigenen Filius ist, die ein oder andere Schwäche seines Sohnes nicht verborgen geblieben: „Marek ist ein guter Techniker, aber er muss noch sehr viel lernen. Seine gute Technik nutzt er zu selten, um Torgefahr zu entwickeln. Vielmehr steht sie ihm manchmal im Weg, weil er vieles zu schön machen will.“
Durch die vielen Aufgaben im Verein ist Filip täglich auf dem Sportgelände des Vereins anzutreffen, es gibt schließlich immer etwas zu tun. Umso dankbarer ist Karlheinz seiner Frau Miroslava Filipova, mit der er seit seinem 15. Lebensjahr zusammen und seit 1976 verheiratet ist und zwei Kinder hat: „Ich kann ihr gar nicht genug danken. Sie ist sehr verständnisvoll, andernfalls könnte ich das alles gar nicht machen.“
Nach all den Jahren blickt Filip auf viele sportliche Highlights zurück. Besonders im Gedächtnis sind ihm jedoch zwei „Privatduelle“ gegen äußerst prominente Kicker des tschechischen Fußballs geblieben. Zum einen das Aufeinandertreffen mit Banik Ostrava-Profi Rostislav Sionko, der in einem Freundschaftsspiel Ostravas gegen Filips Studenka-Mannschaft antrat. Zweimal kam es dort zu Strafstößen für den mehrmaligen tschechischen Meister, zweimal trat Sionko an. Während der erste Elfmeter unhaltbar einschlug, konnte Filip den zweiten parieren: „Ein guter Schütze schießt auch ein zweites Mal in die gleiche Ecke“, grinst Filip, der durchschnittlich vier Strafstöße pro Saison abwehren konnte und sich so das Image des „Elfmeterkillers“ erwerben konnte. Einen Tipp hat er dabei für seine Torhüterkollegen auch: „Ich schaue bei dem Schützen immer auf die Fußhaltung. Dementsprechend entscheide ich mich dann für eine Ecke.“
Hatte nicht immer Grund zum Lachen: der junge Torhüter Karlheinz Filip
Foto: privat
Das zweite Duell hingegen lässt das Lächeln verschwinden. In einem weiteren Freundschaftsspiels gegen den TJ Vitkovice, stand er dem ehemaligen Profi des 1. FC Kaiserslautern und mehrfachem tschechischen Nationalspieler Miroslav Kadlec gegenüber. „Wir haben 6:1 verloren. Kadlec schoss drei Tore – alle per Freistoß.“ Während er das erzählt, verfinstert sich seine Miene. „Diese Gegentore wurmen mich heute noch. Ich hatte keine Abwehrchance, sie flogen mir einfach so um die Ohren“, gibt Filip zu. Dieses Beispiel verdeutlicht den Charakter des 52-jährigen. Immer noch topmotiviert, extrem ehrgeizig und vor allem fleißig und bescheiden ist er. So fand man ihn im Herbst, als der Laufamholzer B-Platz nahezu komplett mit Wasser bedeckt war, einsam gegen die riesigen Pfützen ankämpfen, damit er anschließend direkt mit seiner Mannschaft dem runden Leder hinterher jagen, bzw. hechten konnte.
In der abgelaufenen Spielzeit bestritt er zwei Pflichtspiele für die Erste Mannschaft des SV Laufamholz und trug beim 5:0-Erfolg über den ASV Vach II mit seiner Erfahrung am 3. Spieltag zum ersten Saisonsieg maßgeblich bei.
Keine Frage, Karl-Heinz Filip hat sich seit seinem Eintritt in den Verein 1992 verdient gemacht bei seinen Blau-Weißen, die für ihn mittlerweile wie eine Familie sind. Und denkt er so darüber nach, so hat er nur noch zwei Wünsche. „Das erste ist die Gesundheit. Sie ist das Allerwichtigste im Leben.“ Und das Andere? „Vielleicht darf ich ja noch das ein oder andere Spiel in der Ersten Mannschaft machen.“ Bei diesem Satz huscht erneut ein Lächeln über die Lippen des sonst so ruhigen Mannes. Mit 52 Jahren denkt Karlheinz Filip noch lange nicht ans Aufhören.



