Zwischen Nostalgie und Neuaufbau

Serie "Der FC Azzurri": Teil III - die dritte Generation

Fünf Jahre war der FC Azzurri von der Bildfläche der BFV-Spielrunde verschwunden. Nun startet eine neu formierte Truppe mit zum Teil alt bekannten Gesichtern unter dem Namen „SV 73 Süd III/FC Azzurri“ in der B-Klasse 8. In drei Teilen blicken wir auf die Generationen der Italiener im Nürnberger Fußball. Im letzten Teil schließen wir an den Rückzug des FC Azzurri an und befassen uns mit dem Neuaufbau der "dritten Generation".

Der FC Azzurri, der zuvor ein ganzes Jahrzehnt mit einem eingeschworenen Haufen um Spielertrainer Giovanni Selce von Erfolg zu Erfolg eilte, war im Jahr 2005 nur noch ein Scherbenhaufen. Nach dem sportlichen Abstieg im zweiten Bezirksliga-Jahr, zog sich der Großteil der "eingefleischten Azzurris" zurück, was blieb war eine nicht konkurrenzfähige Kreisliga-Mannschaft. Die großen Versprechungen, die von den neuen "Machern" bei Azzurri vollmundig verkündet wurden, erwiesen sich als Bumerang. Dementsprechend unrühmlich war das vorläufige Ende des Klubs. Im Winter 2005 zog der FC Azzurri seine Mannschaft vom Spielbetrieb des BFV zurück. In der Saison 2005/06 war auch der Start in der Wöhrl-Privatrunde nicht von Erfolg gekrönt und so wurde es ruhig um den einstigen Vorzeigeklub der Italiener in Franken.

Von Genugtuung oder gar Schadenfreude über den Zusammenbruch der Mannschaft sind die Stützen der früher so erfolgreichen Mannschaft auch heute noch weit entfernt. Im Gegenteil, die Princiottos, Scigliuzzo oder Selces blicken noch heute wehmütig über den Kollaps ihres FC Azzurri zurück und suchen nach Erklärungen, warum sich der Kern des Vereins veränderte und die langjährigen Leitfiguren verschwanden: „Wir sind damals an der Masse an Aufgaben zerbrochen. Der Verein bestand ja nur aus gut 50 Mitgliedern. Somit musste jeder Spieler auch noch irgendeine andere Tätigkeit für den Verein wahrnehmen. Da war man wohl zu blauäugig und dankbar, dass sich neue Leute angeboten haben", erinnert sich Maurizio Scigliuzzo.

Startschuss für die 3. Generation

Azzurri, die 3. Generation: Luca Fratoni (2. v. l.) und Sandro Selce (2. v. r.), die Inhaber des neuen, alten Trikotsponsors KonTiki mit Spielern des "SV 73 Süd III/FC Azzurri": Die Brüder Enrico (l.) und Denis Migliaccio (r.) stehen stellvertretend für die neue Generation der Azzurri-Mannschaft. Maurizio Scigliuzzo vertritt hier mit Selce die 2. Generation und hilft aktiv beim Neuaufbau mit. Foto: fussballn.de

"Der Bogen wurde einfach überspannt. Die Bezirksliga war ein Abenteuer, das wir uns erarbeitet haben, jedoch sind wir dabei auch an Grenzen gestoßen. Dann kamen Leute hinzu, die uns helfen wollten, es meinten besser zu wissen und besser machen zu können. Die Aufbauarbeit, die wir über Jahre betrieben hatten, schien recht bald nicht mehr viel Wert. Daraufhin haben sich, wie sich letztlich zeigte, entscheidende Personen zurückgezogen. Wir haben Fehler gemacht, waren wohl noch zu jung, um einen Verein vernünftig auf diesem Niveau zu führen", versucht Sandro Selce die Frage, die ihn in den Jahren "nach Azzurri" immer wieder beschäftigte, zu beantworten. "Wir haben uns ja um alles selbst gekümmert, jeder konnte sich auf den anderen verlassen, aber irgendwo war man natürlich auch etwas überfordert, da nahm die Hilfe von außen gerne an und hat zu spät gemerkt, dass es nicht mehr das war, wofür wir Jahre lang gespielt haben", schildert Marco Princiotto die Problematik rückblickend.

Irgendwo zwischen Enttäuschung, Wut, Trauer aber auch mit etwas Schuldgefühlen verstreuten sich die einstigen Himmelsstürmer in den Folgejahren in verschiedene Mannschaften. Zum Teil ließen es die bereits ins reife Fußballalter gekommenen Kicker in Privatmannschaften oder bei den Alte Herren ruhiger angehen. Wahrscheinlich wäre die Karriere für die meisten Spieler der früheren Azzurri-Elf so auch in Ruhe zu Ende gegangen, hätte es nicht im Sommer 2009 das Schlüsselerlebnis für Sandro Selce gegeben, als sein 10-jähriger Sohn Valentino, begeisterter Fußballer in der Jugend des SV 73 Süd, etwas verwundert ein Bild aus der Azzurri-Vergangenheit entdeckte und nicht glauben konnte, dass es einmal eine so erfolgreiche italienische Mannschaft gegeben hatte.

Aufstieg in die Kreisliga

Blick zurück in die goldenen Zeiten des FC Azzurri. Mit dem Neuaufbau des SV 73 Süd III/FC Azzurri wollen die Kicker von damals mithelfen, eine neue Generation aufzubauen.
Foto: fussballn.de

"Für mich stand spätestens zu diesem Zeitpunkt fest, dass wir es noch einmal probieren müssen", erzählt Sandro Selce. Der Wunsch erneut einen italienischen Klub zu installieren schwebte zwar irgendwo vielen vor, aber die Versuche wie die des TSV 1846/Club Napoli oder diverser kleiner Mannschaften waren nicht sonderlich erfolgreich. Zumindest hatte sich eine Privatmannschaft unter dem Namen AS Italia beim SV 73 Süd über ein paar Jahre erfolgreich etabliert.

Sandro Selce wusste genau, wen er für seine Idee "der dritten Generation FC Azzurri" ins Boot holen wollte. Der harte Kern von damals: Bruder Giovanni, Marco Princiotto, oder Maurizio Scigliuzzo - sie alle spielten eine wichtige Rolle in seinen Plänen. Nachdem sich bei einem Treffen schnell herausstellen sollte, dass die Recken von damals den gleichen Traum einer Wiederbelebung des FC Azzurri teilen, war ein erster entscheidender Schritt getan. "Für mich stand zu dem Zeitpunkt, als Sandro mit der Idee auf mich zukam, recht schnell fest, dass ich bei der Geschichte von Anfang an dabei sein möchte", brauchte Selce weder bei seinem Bruder Giovanni noch bei Maurizio Scigliuzzo Überredungskünste anwenden. Der Wunschkandidat als Spielertrainer stand auch fest: Marco Princiotto sollte die Mannschaft führen.

Doch Princiotto war bereits als Trainer bei AS Italia eingebunden und zudem hatte er sich vor Jahren nach einem anstrengenden Jahr beim FC Trafowerk eigentlich geschworen: "Nie wieder Spielertrainer!" Dass Princiotto nun doch der Mannschaft als Spieler und Trainer zur Verfügung steht und das Amt vom ersten Tag an sehr engagiert und akribisch angeht, war seinen Mitstreitern zu verdanken. "Ich weiß, dass die Leute, die dabei sind, die ganze Sache ernst nehmen und ich mich darauf verlassen kann, dass alles im Umfeld der Mannschaft in geordneten Bahnen verläuft, andernfalls hätte ich mir das nicht mehr angetan", mein der 38-jährige mit einem Augenzwinkern.

Dass ein Neuanfang aber nicht allein mit den Zusagen einzelner Spieler zu machen ist, war auch klar. So galt es in nahezu allen Aspekten wieder neu anzufangen. Zudem spielen einige Akteure, die auch bei der Azzurri-Neuauflage dabei sein sollten und wollten, schon seit einiger Zeit in der Privatmannschaft AS Italia beim SV 73 Süd. Diese erfolgreiche Mannschaft wollte man durch den geplanten Neuanfang im BFV-Spielbetrieb aber nicht auseinanderreißen. So machte man aus der Not eine Tugend. Durch den guten Kontakt zum Vorstand der Süder, Dieter Rösch, entwickelte sich das Modell, die neue Mannschaft beim SV 73 Süd als 3. Mannschaft in der B-Klasse anzumelden. Dadurch sind die Spieler weiterhin für die Privatmannschaft aber auch für den "SV 73 Süd III / FC Azzurri" spielberechtigt, da auch die Pässe der Azzurri-Mannschaft allesamt auf den SV 73 Süd lauten.

Die Wiedergeburt des FC Azzurri machte schnell die Runde, entsprechend rege war auch der Zulauf. Neben den "Veteranen" Selce, Princiotto, Scigliuzzo oder Fontana fanden sich auch junge Spieler wie beispielsweise die Brüder Denis und Enrico Migliaccio (DJK Bayern), Maurizio Stigliano, Nino Zenna (beide ESV Rangierbahnhof) oder Domenico Haake (TV Jahn-Schweinau) im neuen Team ein. Die Verbindung zu der neuen Truppe um Marco Princiotto und Giovanni Selce kamen aber nicht allein durch die Identifikation mit dem Heimatland. "Giovanni war bei Süd damals unser A-Jugend-Trainer. Bevor sich die Wege später trennten, hat er uns gesagt, wenn er wieder etwas macht, möchte er, dass wir dabei sind", erzählt Enrico Migliaccio, der über die Jugend von Süd und Schwabach nun von der DJK Bayern zum italienischen Team kam und sich auch an die Zeit erinnern, als er als Kind am Spielfeldrand den Azzurri zuschaute.

In der neuen SportsbarEin Wohnzimmer für große Jungs: Team-Betreuer Lorenzo, Sandro Selce und Trainer Marco Princiotto in der neuen Sports Bar der Azzurris in der Nürnberger Südstadt.
Foto: fussballn.de

Gerade diese jungen Spieler im Alter von Anfang 20 sollen die neue Generation beim FC Azzurri bilden. Dafür hat Initiator Sandro Selce konkrete Pläne: "Wir wollen den Jungs eine sportliche Heimat bieten, aber auch Integrationspunkt für die nachwachsende Generation sein." Als zentrale Anlaufstelle dient die nagelneue Sportsbar in der Vorderen Bleiweißstraße, die an das von Selce betriebene Restaurant "Ciao" in der Schweiggerstraße anschließt. "Es ist das Wohnzimmer für uns große Jungs", beschreibt Selce die modern eingerichtete "Bar Sport Azzurri", in der sich die Azzurri-Mannschaft nicht nur zu Sitzungen oder gemeinsamen Essen regelmäßig trifft. "Unsere Mitglieder bekommen auf alle Speisen 50%-Rabatt, wir wollen dabei nichts verdienen, sondern den Jugendlichen, die ohnehin viel auf Achse sind, einen Bezugspunkt bieten", erklärt Selce.

Aus den Fehlern der Vergangenheit hat die 2. Generation gelernt. "Der Verein muss gesund bleiben", lautet die oberste Maxime Selces, der wie seine Mitstreiter voller Ehrgeiz und Überzeugung den Wiederaufbau des FC Azzurri betreibt und sich auch nicht zu schade ist, das Trikotwaschen zu übernehmen. Finanziell, sportliche und kameradschaftlich muss alles in vernünftigen Bahnen verlaufen. "Es läuft gut an, alle ziehen voll mit, die Truppe präsentiert sich als Einheit", ist der Initiator mit den ersten Monaten sehr zufrieden. Auch ein Blick auf die Tabelle der B-Klasse 8 lässt die Italiener zufrieden stimmen. Trotz vieler Urlauber konnten alle drei Spiele gewonnen werden, so dass die Truppe vom Start weg an der Spitze steht. Klar ist für Trainer Marco Princiotto auch das Ziel Aufstieg: "Aus der B-Klasse müssen wir rauskommen! Alles weitere wird die Zukunft zeigen." Weniger die Spielklasse ist das primäre Ziel des FC Azzurri: "Wir wollen die dritte Generation aufbauen, so dass es eine Zukunft für Azzurri gibt. Bis die Jungs soweit sind, müssen wir Alten aber eben auch noch unsere Knochen hinhalten. Wenn Jüngere da sind und für uns spielen können, schauen wir uns das aber gerne von außen an", erklärt Sandro Selce. Ob er tatsächlich so lange weiter spielen muss oder darf, bis der Wunsch seines zehnjährigen Sohnes Valentino ("du flankst und ich mach ein Kopfballtor") in Erfüllung geht?